Dr. Jürgen Thorwart

Dipl.-Psychologe

Psychologischer Psychotherapeut

Psychoanalytiker (DGPT)

Praxis für Psychoanalyse
und Psychotherapie

-alle Kassen und privat-

Marktplatz 13

D-85375 Neufahrn (bei Freising/München)

Tel.: 08165/ 90 93 70 (Anrufbeantworter)

j.thorwart@freenet.de


Telephonische Sprechzeiten:

Montags

08.00-09.00

Dienstags

13.30-14.00

Mittwochs

07.00-08.00
14.30-15.00

Donnerstags

12.30-13.00


Wegweiser

für PatientInnen

 
 

Freud 1891

Aus: GW I Freud (Imago)
 

Sigmund Freud (um 1920)

1856-1939

© commons.wikipedia.org
(Bild & (Autograph)

Wir mögen noch so oft betonen, der menschliche Intellekt sei kraftlos im Vergleich zum menschlichen Triebleben, und recht damit haben. Aber es ist doch etwas Besonderes um diese Schwäche; die Stimme des Intellekts ist leise, aber sie ruht nicht, ehe sie sich Gehör geschafft hat. Am Ende, nach unzählig oft wiederholten Abweisungen, findet sie es doch. Dies ist einer der wenigen Punkte, in denen man für die Zukunft der Menschheit optimistisch sein darf (...).

Sigmund Freud (1900):
Die Zukunft einer Illusion.
GW XIV: 377


File:Freud, Second topography, 1933.jpg

© commons.wikipedia.org

 

 


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Weitere Hinweise zum Copyright:

Impressum

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(außer Aktuelles):

Juli 2017


III. Psychoanalytischer Kongreß, Weimar September 1911

(siehe Beitrag in Aktuelles: AKTUELL: Nummer 5/2015)

Quelle: Kopie von Michael Schröter nach einem Originalabzug im Besitz von Tina Joos-Bleuler;
aufgenommen am 21. oder 22.09.1911 von Franz Vältl (1881-1953)

(Ich danke Herr Schröter für die freundliche Genehmigung zur Veröffentlichung auf meiner Webseite: 27.04.15)

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Couch Praxis
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Medaille von
C. M. Schwerdtner (1906)

Aus: GW Freud (Imago)

Praxisschild Neufahrn
© JT-2013

GW Freud (Imago)
© JT-2013

Freud um 1905
wikimedia.org
(public domain)

 

68.

„Das habe ich gethan“ sagt mein Gedächtniss. Das kann ich nicht gethan haben — sagt mein Stolz und bleibt unerbittlich. Endlich — giebt das Gedächtniss nach.

Nietzsche, Friedrich (1844-1900): Jenseits von Gut und Böse(1886): § 68
www.nietzschesource.org Ort: #eKGWB/JGB-68

Anmerkung: Wegen der Vielzahl von Nietzsche-Ausgaben zitiere ich künftig aus der Digitalen Kritische Gesamt-ausgabe. Werke und Briefe (basierend auf dem kritischen Text von G. Colli and M. Montinari, Berlin/New York: de Gruyter 1967, hrsg. v. Paolo D’Iorio. (eKGWB)

www.nietzschesource.org/#eKGWB


 

All of old.

Nothing else ever.

Ever tried.

Ever failed.

No matter.

Try again.

Fail again.

Fail better.

Alles seit je.

Nie etwas andres.

Immer versucht.

Immer gescheitert.

Einerlei.

Wieder versuchen.

Wieder scheitern.

Besser scheitern.

Beckett, Samuel:

Worstward Ho (1983/1999: 7)

Deutsche Übersetzung:

J. Thorwart


Das Gedächtnis ist nicht ein Instrument zur Erkundung
 der Vergangenheit, sondern deren Schauplatz.

Benjamin, Walter (1985): Gesammelte Schriften VI: 468

 

 

 

 

Vielleicht

Erinnern

das ist

vielleicht
die qualvollste Art

des Vergessens

und vielleicht

die freundlichste Art

der Linderung

dieser Qual

Fried, Erich (1983)Gesammelte Werke. Gedichte Band 3. Verlag Klaus Wagenbach Berlin 1993, 11 (Es ist was es ist)

Erich Fried (1921-1988) 


* Anmerkung:
Das nebenstehende Gedicht
illustriert die destruktive Kraft
einer grenzüberschreitenden
 Liebesbeziehung (Papenheim/Breuer).
Bertha Pappenheim lebte von 1859-1936 und war als Frauenrechtlerin, jüdische Sozialpionierin und Gründerin des Jüdischen Frauenbundes tätig (siehe wikipedia).

Mir ward die Liebe nicht -

Drum leb’ ich wie die Pflanze,

Im Keller ohne Licht.

Mir ward die Liebe nicht -

Drum tön’ ich wie die Geige,

Der man den Bogen bricht.

Mir ward die Liebe nicht -

Drum wühl’ ich mich in Arbeit

Und leb’ mich wund an Pflicht.

Mir ward die Liebe nicht -

Drum denk’ ich gern des Todes,

Als freundliches Gesicht.

Pappenheim, Bertha (1910–1912): Stadtarchiv Frankfurt.
Nachlass Dora Edinger. Blatt II *

 

1. [Auszug]

Aber wie finden wir uns selbst wieder? Wie kann sich der Mensch kennen? Er ist eine dunkle und verhüllte Sache; und wenn der Hase sieben Häute hat, so kann der Mensch sich sieben mal siebzig abziehen und wird doch nicht sagen können „das bist du nun wirklich, das ist nicht mehr Schaale.“

Nietzsche, Friedrich (1844-1900): Schopenhauer als Erzieher (1874): § 1
www.nietzschesource.org
Ort: #eKGWB/SE-1


 

Wie man es erzählen kann, so ist es nicht gewesen.

Wolf, Christa (1968): Nachdenken über Christa T.

 

Denn genauer sieht das Auge etwas im Traum als in der Phantasie, wenn es wach ist.

da Vinci, Leonardo (1452-1519)

Jede Erkenntnis beginnt mit den Sinnen. Aphorismen, Rätsel, Prophezeiungen. München: SchirmerGraf 2006, 20)


(...) es ist ja soviel leichter, den Mars oder den Mond zu erreichen, als das eigene Wesen zu erkennen.

Jung, Carl Gustav (1961): Gespräch mit  Miguel Serrano.
In: C. G. Jung im Gespräch. Interviews, Reden, Begegnungen. Zürich Daimon 1986: 331

Anmerkung: Serrano befragte Jung an dieser Stelle nach seiner Ansicht über das Zeitalter der Supertechnik und interplanetarischer Reisen. Das Interview fand wenige Wochen vor seinem Tod im Juni 1961 statt.

 

Wenn man sich für einen Skeptiker hält, tut man gut daran, gelegentlich auch an seiner Skepsis zu zweifeln.

Freud, Sigmund (1933a):  Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse. GW XV: 57

 

 

  

[Fegefeuer, Dreizehnter Gesang]

An jener Seite, wo der Fels sich senkte,
Ging mir Virgil, wo leicht zu fallen war,
Weil kein Geländer dort den Rand verschränkte;

Dante Alighieri (1265-1321): Die Göttliche Komödie - Fegefeuer, 13. Gesang, Vers 79-81

Quelle: Projekt Gutenberg (Deutsche Seite) www.gutenberg.org/ebooks/8085: über Spiegel-online: Kapitel 48, Ziff. 27

Anmerkung: Dante ist auf dem Weg durch die Hölle - Vergil gibt ihm Halt.


 

  

Sprache

Warum kann der lebendige Geist dem Geist nicht erscheinen?

Spricht die Seele, so spricht ach! die Seele schon nicht mehr.

von Goethe, Johann Wolfgang & Schiller, Friedrich (Distichon aus dem
Musenalmanach für 1797): Sämtliche Werke (Hrsg. v. Paul Merker et al.).
Leipzig o.J. (=Tempel-Klassiker) Band I: 264

Anmerkung: Das Musen-Almanach für das Jahr 1797 (hrsg. v. F. Schiller) ist online unter:
http://de.wikisource.org/wiki/Musen-Almanach_f%C3%BCr_das_Jahr_1797)
zu finden. Weitere Suche bei "G und S" [Goethe und Schiller]: Tabulae votivae: 177


Psychosomatik bedeutet nicht, den Körper weniger, sondern die Psyche mehr zu erforschen.

Psychosomatic does not mean to study the soma less; it only means to study the psyche more.

Weiss, Edward (1947): Psychogenic Rheumatism. Annals of Internal Medicine 26 (6): 890-900; Zitat: 890 (Deutsche Übersetzung: J. T.)

 

 

Ich möchte zu Beginn dieser Diskussion hervorheben, daß der psychosomatische Zugang zu Krankheiten nicht bedeute, den Körper weniger, sondern eher die Psyche mehr zu erforschen.

I should like, at the outset of this discussion, to point out that the psychosomatic approach to disease does not mean that one should study the "soma" any less, but rather study the "psyche" more.

Meyer, A. Zelig (1947): Psychosomatic Considerations of Gastric Disease. California Medicine (Calif Med.) 67 (6): 368–370; Zitat: 368  (Deutsche Übersetzung: J. T.)


65.

Der Reiz der Erkenntniss wäre gering, wenn nicht auf dem Wege zu ihr so viel Scham zu überwinden wäre.

Nietzsche, Friedrich (1844-1900): Jenseits von Gut und Böse:
§ 65. Erste Veröff. 04/08/1886
 www.nietzschesource.org/ Ort: #eKGWB/JGB-65

Niemals sind wir ungeschützter gegen das Leiden, als wenn wir lieben, niemals hilfloser unglücklich, als wenn wir das geliebte Objekt oder seine Liebe verloren haben.

Freud, Sigmund (1930a): Das Unbehagen in der Kultur: GW XIV: 441


 

Zur Kriminalität aus psychoanalytischer Sicht

Es gibt keinen „kriminellen“ oder „delinquenten“ Typus. Wenn man in diesen Begriffen denkt, macht man den ersten und fundamentalen Fehler. Kriminelle Impulse oder Impulse, Gesetze zu verletzen, sind in jedem vorhanden.

Verbrechen ist kein Problem, das besondere Individuen betrifft; es betrifft die Gesellschaft als Ganzes. Man kann etwas verallgemeinernd sagen, dass das offensichtliche Trio Krimineller, Gesellschaft, Richter Personifikationen von drei Elementen darstellt, die in jedem von uns und damit in jedem Teil unseres inneren Trios präsent sind, dem Es, dem Ich und dem Über-Ich. Kriminelle handeln auf der äußeren Bühne das aus, was innerlich in jedem von uns stattfindet. Wenn man, wie oben gezeigt, in Betracht zieht, dass individuelle Verbrechen unbewusst auf das Urverbrechen zurückgehen und dass diese unbewusste triebhafte psychische Ebene in jedem Menschen vorliegt, dann wird deutlich, dass für den Psychoanalytiker die psychologische Bedeutung von Verbrechen und Strafe jeden Menschen im selben Ausmaße betrifft, sei er Geschworener, Krimineller oder Richter. Es wird ebenso offensichtlich, dass die starke Tendenz hin zur Strafe triebhaften archaischen Gesetzen folgt und dass vernünftige Vorgehensweisen starkem Widerstand begegnen.

Foulkes, Sigmund Heinrich (1943): Psychoanalyse und Verbrechen. Forum der Psychoanalyse 28: 103f


Das Gewissen findet keine Anwendung auf alles, was zugunsten des Objektes geschieht; in der Liebesverblendung wird man reuelos zum Verbrecher.

Freud, Sigmund (1921c): Massenpsychologie und Ich-Analyse: XII: 125

 

Gnothi seauton - Erkenne Dich selbst
(griechisch: 
Γνῶθι σεαυτόν - Gnōthi seautón
auch
Γνῶθι σαυτόν - Gnōthi sautón)

Bei der Abbildung handelt es sich um ein stilisiertes Auge aus Marmor, (Schloß Buonconsiglio, Trient). In der Umrandung des Auges ist zu lesen: "GNOTHI SAUTON ID EST COGNOSCERE TE IPSUM" (lat.: Erkenne dich selbst, das ist [heißt] erkenne dich selbst).

Der dem Gott Apoll zugeordnete Spruch stand – neben den ebenfalls als apollinisch betrachteten Weisheiten Ἐγγύα, πάρα δ᾽ ἄτα (engýa, pára d' áta „Bürgschaft, schon ist Schaden da!“) und Μηδὲν ἄγαν (mēdén ágan „Nichts im Übermaß“) – an einer Säule der Vorhalle des Apollontempels in Delphi.

Anmerkung: Während die Forderung, sich selbst zu erkennen, ursprünglich auf Einsicht in die Begrenztheit und Hinfälligkeit des Menschen (im Gegensatz zu den Göttern) zielte, stand für Platon der Aspekt im Vordergrund, daß der Mensch Wissen um das eigene Nichtwissen erlangt, zu rechter Einsicht strebt und dadurch auch seinen Charakter veredelt. Das Bemühen um solche Selbsterkenntnis war für Platon ein Bestandteil seines zentralen ethischen Projekts der Sorge um die Seele, deren Wohlergehen davon abhänge, dass sie Tugend (aretē) kultiviere.

Quelle: wikipedia.org;  Fotograph: Thc phreak (keine Nutzungsbeschränkung)


Die Enttäuschung des Krieges

Die psychoanalytische Erfahrung hat diese Behauptung womöglich noch unterstrichen. Sie kann alle Tage zeigen, daß sich die scharfsinnigsten Menschen plötzlich einsichtslos wie Schwachsinnige benehmen, sobald die verlangte Einsicht einem Gefühlswiderstand bei ihnen begegnet, aber auch alles Verständnis wieder erlangen, wenn dieser Widerstand überwunden ist.

Man darf sich auch nicht darüber verwundern, daß die Lockerung aller sittlichen Beziehungen zwischen den Großindividuen der Menschheit eine Rückwirkung auf die Sittlichkeit der Einzelnen geäußert hat, denn unser Gewissen ist nicht der unbeugsame Richter, für den die Ethiker es ausgeben, es ist in seinem Ursprunge »soziale Angst« und nichts anderes. Wo die Gemeinschaft den Vorwurf aufhebt, hört auch die Unterdrückung der bösen Gelüste auf, und die Menschen begehen Taten von Grausamkeit, Tücke, Verrat und Roheit, deren Möglichkeit man mit ihrem kulturellen Niveau für unvereinbar gehalten hätte.

(...)

In Wirklichkeit gibt es keine »Ausrottung« des Bösen. Die psychologische – im strengeren Sinne die psychoanalytische – Untersuchung zeigt vielmehr, daß das tiefste Wesen des Menschen in Triebregungen besteht, die elementarer Natur, bei allen Menschen gleichartig sind und auf die Befriedigung |gewisser ursprünglicher Bedürfnisse zielen. Diese Triebregungen sind an sich weder gut noch böse. Wir klassifizieren sie und ihre Äußerungen in solcher Weise, je nach ihrer Beziehung zu den Bedürfnissen und Anforderungen der menschlichen Gemeinschaft. Zuzugeben ist, daß alle die Regungen, welche von der Gesellschaft als böse verpönt werden – nehmen wir als Vertretung derselben die eigensüchtigen und die grausamen – sich unter diesen primitiven befinden.

(...)

Im allgemeinen sind wir geneigt, den angeborenen Anteil zu hoch zu veranschlagen, und überdies laufen wir Gefahr, die gesamte Kultureignung in ihrem Verhältnisse zum primitiv gebliebenen Triebleben zu überschätzen, d.h. wir werden dazu verleitet, die Menschen »besser« zu beurteilen, als sie in Wirklichkeit sind.

(…)

Es gibt also ungleich mehr Kulturheuchler als wirklich kulturelle Menschen, ja man kann den Standpunkt diskutieren, ob ein gewisses Maß von Kulturheuchelei nicht zur Aufrechterhaltung der Kultur unerläßlich sei, weil die bereits organisierte Kultureignung der heute lebenden Menschen vielleicht für diese Leistung nicht zureichen würde.

(...)

Den bisherigen Erörterungen entnehmen wir bereits den einen Trost, daß unsere Kränkung und schmerzliche Enttäuschung wegen des unkulturellen Benehmens unserer Weltmitbürger in diesem Kriege unberechtigt waren. Sie beruhten auf einer Illusion, der wir uns gefangen gaben. In Wirklichkeit sind sie nicht so tief gesunken, wie wir fürchten, weil sie gar nicht so hoch gestiegen waren, wie wirs von ihnen glaubten. Daß die menschlichen Großindividuen, die Völker und Staaten, die | sittlichen Beschränkungen gegeneinander fallen ließen, wurde ihnen zur begreiflichen Anregung, sich für eine Weile dem bestehenden Drucke der Kultur zu entziehen und ihren zurückgehaltenen Trieben vorübergehend Befriedigung zu gönnen. Dabei geschah ihrer relativen Sittlichkeit innerhalb ihres Volkstumes wahrscheinlich kein Abbruch.

(...)

Die psychoanalytische Erfahrung hat diese Behauptung womöglich noch unterstrichen. Sie kann alle Tage zeigen, daß sich die scharfsinnigsten Menschen plötzlich einsichtslos wie Schwachsinnige benehmen, sobald die verlangte Einsicht einem Gefühlswiderstand bei ihnen begegnet, aber auch alles Verständnis wieder erlangen, wenn dieser Widerstand überwunden ist.

Freud, Sigmund (1915b): Zeitgemäßes über Krieg und Tod. X: 330, 331f, 334, 334, 337 und 339

Anmerkung: Das ihm zugeschriebene Zitat 'Die Decke der Zivilisation ist dünn' stammt nach meiner Recherche nicht von Freud - doch unterstreicht der Text (bezogen auf den ersten Weltkrieg) genau diese Überzeugung und ist bis in die Gegenwart von großer Aktualität.

 

Warum Krieg?

Darf ich Ihnen aus diesem Anlaß ein Stück der Trieblehre vortragen, zu der wir in der Psychoanalyse nach vielem Tasten und Schwanken gekommen sind? Wir nehmen an, daß die Triebe des Menschen nur von zweierlei Art sind, entweder solche, die erhalten und vereinigen wollen, – wir heißen sie erotische, ganz im Sinne des Eros im Symposion Platos, oder sexuelle mit bewußter Überdehnung des populären Begriffs von Sexualität, – und andere, die zerstören und töten wollen; wir fassen diese als Aggressionstrieb oder Destruktionstrieb zusammen. (…) Nun lassen Sie uns nicht zu rasch mit den Wertungen von Gut und Böse einsetzen. Der eine dieser Triebe ist ebenso unerläßlich wie der andere, aus dem Zusammen- und Gegeneinanderwirken der Beiden gehen die Erscheinungen des Lebens hervor. Nun scheint es, daß kaum jemals ein Trieb der einen Art sich isoliert betätigen kann, er ist immer mit einem gewissen Betrag von der anderen Seite verbunden, wie wir sagen: legiert, der sein Ziel modifiziert oder ihm unter Umständen dessen Erreichung erst möglich macht.

(…)

Ganz selten ist die Handlung das Werk einer einzigen Triebregung, die an und für sich bereits aus Eros und Destruktion zusammengesetzt sein muß. In der Regel müssen mehrere in der gleichen Weise aufgebaute Motive zusammentreffen, um die Handlung zu ermöglichen. (…)Wenn also die Menschen zum Krieg aufgefordert werden, so mögen eine ganze Anzahl von Motiven in ihnen zustimmend antworten, edle und gemeine, solche, von denen man laut spricht, und andere, die man beschweigt. Wir haben keinen Anlaß sie alle bloßzulegen. Die Lust an der Aggression und Destruktion ist gewiß darunter; ungezählte Grausamkeiten der Geschichte und des Alltags bekräftigen ihre Existenz und ihre Stärke. Die Verquickung dieser destruktiven Strebungen mit anderen, erotischen und ideellen, erleichtert natürlich deren Befriedigung. Manchmal haben wir, wenn wir von den Greueltaten der Geschichte hören, den Eindruck, die ideellen Motive hätten den destruktiven Gelüsten nur als Vorwände gedient, andere Male, z.B. bei den Grausamkeiten der heiligen Inquisition, meinen wir, die ideellen Motive hätten sich im Bewußtsein vorgedrängt, die destruktiven ihnen eine unbewußte Verstärkung gebracht. Beides ist möglich.

Freud, Sigmund (1933b/1932): Warum Krieg? XV: 121 und 122f

Anmerkung: Es handelt sich hier um ein Antwortschreiben an Albert Einstein (September 1932). Dieser hatte ihm in seinem Brief vom 30. Juli 1932 die Frage gestellt: »Gibt es einen Weg, die Menschen vom Verhängnis des Krieges zu befreien?«

 

 

[Ist Lieben eine Kunst?]

Die meisten Menschen sehen das Problem der Liebe in erster Linie als das Problem, selbst geliebt zu werden, statt zu lieben und lieben zu können. Daher geht es für sie nur darum, wie man es erreicht, geliebt zu werden, wie man liebenswert wird. Um zu diesem Ziel zu gelangen, schlagen sie verschiedene Wege ein. Der eine, besonders von Männern verfolgte Weg ist der, so erfolgreich, so mächtig und reich zu sein, wie es die eigene gesellschaftliche Stellung möglich macht. Ein anderer, besonders von Frauenbevorzugter Weg ist der, durch Kosmetik, schöne Kleider und dergleichen möglichst attraktiv zu sein. Andere Mittel, die sowohl von Männern als auch von Frauen angewandt werden, sind angenehme Manieren, interessante Unterhaltung, Hilfsbereitschaft, Bescheidenheit und Gutmütigkeit. Viele dieser Mittel, sich liebenswert zu machen, sind die gleichen wie die, deren man sich bedient, um Erfolg zu haben, um »Freunde zu gewinnen«. Tatsächlich verstehen ja die meisten Menschen unseres Kulturkreises unter Liebenswürdigkeit eine Mischung aus Beliebtheit und Sex-Appeal.

Hinter der Einstellung, daß man nichts lernen müsse, um lieben zu können, steckt zweitens die Annahme, es gehe bei dem Problem der Liebe um ein Objekt und nicht um eine Fähigkeit.

Fromm, Erich (1956a): Die Kunst des Liebens. Gesamtausgabe (R. Funke). IX: 440


[Mephistopheles]

Daran erkenn' ich den gelehrten Herrn!

Was ihr nicht tastet, steht euch meilenfern;

Was ihr nicht faßt, das fehlt euch ganz und gar;

Was ihr nicht rechnet, glaubt ihr, sey nicht wahr;

Was ihr nicht wägt, hat für euch kein Gewicht;

Was ihr nicht münzt, das, meint ihr, gelte nicht.

von Goethe, Johann Wolfgang (1832): Faust. Der Tragödie zweyter Theil in fünf Acten (vollendet im Sommer 1831). In: Goethe's Werke. Vollständige Ausgabe letzter Hand. 41. Band. Stuttgart & Tübingen: J. G. Cotta'sche Buchhandlung: 16

Online: Faust - Der Tragödie zweiter Teil – Wikisource

 

 

Wer zu viel mißt, mißt Mist

Unbekannt

 

 


 

Immer noch da, aber unsichtbar

(…)

Vielleicht wollt ihr es nicht wissen, aber ihr wißt es:

So mancherlei ist erst mal da, und dann ist es

immer noch da, aber unsichtbar.

Immer noch da, –-- aber unsichtbar.

(…)

Der Onkel unter dem du als Kind so gelitten hast:

Immer noch da, aber unsichtbar.

Erlebnisse, so seltsam, daß man davon nicht erzählen darf,

Parteien, die man schon seit Jahrzehnten nicht mehr wählen darf:

Immer noch da, aber unsichtbar.

Und sind immer noch da, --- und sind immer noch da …

(…)

Die bösen Zellen, als es hieß, jetzt wird alles wieder gut:

Immer noch da, aber unsichtbar.

Und ganz bis am Schluß … der Lebensmut:

Unsichtbar, aber immer noch da.

(…)

Krämer, Sebastian

Auftritt bei der 64. Jahrestagung der DGPT (Berlin September 2013)

CD Tüpfelhyänen (12/2013) - Track 04: Immer noch da, aber unsichtbar

(www.sebastiankraemer.de)

(Der gesamte Text findest sich unter Skurriles.)


Das Unbehagen in der Moderne erwuchs aus einer Art Sicherheit, die im Streben nach dem individuellen Glück zuwenig Freiheit tolerierte. Das »Unbehagen in der Postmoderne« entsteht aus einer Freiheit, die auf der Suche nach Lustgewinn zuwenig individuelle Sicherheit toleriert. (...) Und daher garantiert eine Freiheit ohne Sicherheit keinen zuverlässigen Nachschub an Glück als eine Freiheit ohne Sicherheit.

Baumann, Zygmundt (1997/1999): Unbehagen in der Postmoderne: Hamburg: Hamburger Edition: 11f

 

 

Die Annäherung an das Unbewußte - das heißt an das, was wir nicht wissen, nicht an das, was wir wissen - ist für den Patienten und den Analytiker zweifellos verstörend. Jeder, der morgen einen Patienten sehen wird, sollte irgendwann Angst verspüren. Im Behandlungszimmer sollten sich grundsätzlich zwei verängstigte Personen aufhalten: der Patient und der Psychoanalytiker. Andernfalls muß man sich fragen, weshalb sie etwas herausfinden wollen, das ohnehin jeder weiß.

Bion, Wilfred R. (1973-74/2010): Die Brasilianischen Vorträge: Frankfurt/M.: edition diskord: 15

Wenn wir uns in der Psychoanalyse dem Unbewußten annähern - das heißt dem, was wir nicht kennen -, reagieren wir, Patient und Analytiker gleichermaßen, zwangsläufig beunruhigt. In jedem Behandlungszimmer sollten sich zwei verängstigte Menschen befinden: der Patient und der Psychoanalytiker. Wenn die beiden keine Angst haben, muß man sich fragen, warum sie sich die Mühe machen, etwas herauszufinden, das jeder weiß.

Bion, Wilfred R.:  Interview mit A. G. Banet. Los Angeles 1976. In: Die Tavistock-Seminare. Tübingen: edition diskord 2007: 126


 

[Brazilian Lectures: Sao Paulo 1973]

Sich mit vertrauten Dingen zu beschäftigen ist immer verlockend. Für Psychoanalytiker ist diese Versuchung größer als für andere Menschen, weil die Psychoanalyse eine der seltenen Situationen ist, in denen man sich einer angsterregenden Beschäftigung widmen kann, ohne auch nur einen Fuß vor die Tür zu setzen

Bion, Wilfred R. (1973-74/2010): Die Brasilianischen Vorträge: Frankfurt/M.: edition diskord: 15


[Brief an Lou Andreas Salome 25.5.1916]

Ich weiß, daß ich mich bei der Arbeit künstlich abgeblendet habe, um alles Licht auf die eine dunkle Stelle zu sammeln, auf Zusammenhang, Harmonie, Erhebung und alles, was Sie das Symbolische heißen, verzichte, geschreckt durch die eine Erfahrung, daß jeder solche Anspruch. jede Erwartung die Gefahr mit sich bringt, das zu Erkennende verzerrt zu sehen, wenn auch verschönert.

Freud, Sigmund (1912-1936): Sigmund Freud - Lou Andreas-Salome. Briefwechsel. (hg. v. Ernst Pfeiffer).
Frankfurt/M.: Fischer 1966: 50 (Brief v. 25.5.1916, Wien)

 
 

[Sao Paulo 1973]

Statt zu versuchen, obskure Probleme durch Intelligenz und Kenntnisreichtum in helleres Licht zu rücken, schlage ich vor, das »Licht« bis auf einen durchdringenden Dunkelheitsstrahl – das Gegenteil eines Suchscheinwerfers –  zu dämpfen . Die besondere Eigenschaft dieses durchdringenden Strahls bestünde darin, daß wir ihn auf den Gegenstand unserer Neugierde richten könnten und dieses Objekt dann jedes vorhandene Licht absorbieren würde; dem Untersuchungsbereich würde somit jedes Licht, das er besaß, entzogen. Die Finsternis wäre absolut und würde ein luminöses absolutes Vakuum erzeugen. So daß ein eventuell – wie schwach auch immer – vorhandenes Objekt sehr deutlich erkennbar würde. Unter den Bedingungen maximaler Dunkelheit würde sich dann selbst das schwächste Licht zeigen.

Bion, Wilfred R. (1973-74/2010): Die Brasilianischen Vorträge: Frankfurt/M.: edition diskord: 36

۩

Bion hat diesem Vorgehen von Freud (siehe letzten Beitrag) ein anderes entgegengesetzt, das nicht ganz einfach zu verstehen ist, aber der psychoanalytischen 'Wahrnehmung (die keineswegs nur intellektuell beschaffen ist) vielleicht näher kommt.

 

 


 

Nichts ist schädlicher in der Analyse als das schulmeisterliche oder auch nur autoritative Auftreten des Arztes. Alle unserer Deutungen müssen eher den Charakter eines Vorschlages, denn einer sicheren Behauptung haben, und dies nicht nur, damit wir den Patienten nicht reizen, sondern weil wir uns tatsächlich auch irren können. Das nach uralter Sitte des Handelsmannes jeder Verrechnung angehängte Zeichen „S. E.” (salvo errore), d. h. Irrtum vorbehalten, wäre auch bei jeder analytischen Deutung zu erwähnen. Doch auch unser Vertrauen zu unseren Theorien darf nur ein bedingtes sein, denn vielleicht handelt es sich im gegebenen Falle um die berühmte Ausnahme von der Regel oder gar um die Notwendigkeit, an der bisherigen Theorie etwas zu ändern. Es ist mir schon passiert, dass ein ungebildeter, anscheinend ganz naiver Patient Einwände gegen meine Erklärungen vorbrachte, die ich reflektorisch abzulehnen bereit war, doch die bessere Überlegung zeigte mir, dass nicht ich, sondern der Patient im Rechte war, ja, dass er mir mit seiner Einwendung zu einem viel tieferen Erfassen des Gegenstandes im allgemeinen verhalf. Die Bescheidenheit des Analytikers sei also nicht eine eingelernte Pose, sondern der Ausdruck der Einsicht in die Begrenztheit unseres Wissens.

Ferenczi, Sándor (1927/28): Die Elastizität der psychoanalytischen Technik. Bausteine zur Psychoanalyse III. Frankfurt/M.: Ullstein: 389


Francisco de Goya (1746-1828):

El sueño de la razón produce monstruos
(Der Schlaf/Traum der Vernunft gebiert Ungeheuer)

Anmerkung: Im Spanischen kann 'sueño' ebenso Traum wie auch Schlaf bedeuten. Auch deshalb geht die Deutung des Werkes in verschiedene Richtungen - als Zustimmung oder Kritik der Vernunft. Der Stich ist das 43. Blatt von insgesamt 80 Werken der in der Technik der Aquatinta ausgeführten Radierungen aus Goyas 1799 veröffentlichten Sammlung "Caprichos" (deutsch: Launen, Einfälle). Es sollte ursprünglich als Titelblatt verwendet werden (vgl. wikipedia). Nach meiner Vorstellung ist es Ausdruck der (dunklen und unheimlichen) Vorgänge im Schlaf und damit Vorläufer der Idee einer dem Bewußtsein weitgehend entzogenen inneren Welt psychischer Vorgänge.

http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/e/ee/Goya-Capricho-43.jpg/163px-Goya-Capricho-43.jpg

wikimedia: Public Domain


Jede, auch die wissenschaftliche Neugier wird von infantilen, voyeuristischen Regungen getragen; in den Wunsch zu helfen können sich magische Allmachtswünsche einfügen; sogar der unerlässliche Wunsch, den  Analysanden zu verstehen, ist ohne eine emotionelle Beteiligung nicht möglich, in die unbewusste sexuelle Regungen eingehen. Die tiefe Befriedigung, die wir in »guten« Analysestunden empfinden, ist auf die wechselseitige Übertragung zielgehemmter objektbezogener Wünsche zurückzuführen und erneuert sich im identifikatorischen Austausch von Gefühlen im gemeinsamen Erleben. Daran kann der muntere Ausdruck »Arbeitsbündnis«, der die Lust an der Analyse zu versachlichen sucht, nichts ändern.

Parin, Paul (1987): Abstinenz? In: K. Brede et al. (Hg.): Befreiung zum Widerstand. Aufsätze über Feminismus, Psychoanalyse und Politik. Frankfurt/M.: Fischer, 172-178 (Zitat: 174)

 

Waits, Tom: Come On Up To The House
(www.tomwaits.com)

 

The world is not my home

I'm just a passin thru

 

 


Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden.

Luxemburg, Rosa
polnisch-deutsche Politikerin (SPD, SDKPiL, KPD)
eigentlich:
Rozalia Luksenburg

Die russische Revolution. Eine kritische Würdigung. Berlin 1920: 109; Gesammelte Werke. Band 4: 359, Anmerkung 3. Berlin (Ost): Dietz Verlag 1983

Zitiert nach: wikiquote.org (4/2014)


Luxemburg, Rosa (1871-1919)

erstellt: um die Jahrhundertwende (1900)

de.wikiquote.org


Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden, sich zu äußern.

Luxemburg, Rosa

Breslauer Gefängnismanuskripte zur Russischen Revolution. Textkritische Ausgabe. Manuskriptdruck. Rosa-Luxemburg-Forschungsberichte. Heft 2. (hrsg. von Klaus Kinner und Manfred Neuhaus). Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen e. V. 2001: 34

Zitiert nach: wikiquote.org (4/2014)


"When I use a word," Humpty Dumpty said, in rather a scornful tone, "it means just what I choose it to mean – neither more nor less.

"The question is," said Alice, "whether you can make words mean so many different things."

"The question is," said Humpty Dumpty, "which is to be master – that's all."

Übersetzung (J. T.):

Wenn ich ein Wort benutze, sagte Humpty Dumpty in einem ziemlich verächtlichem Ton, "dann bedeutet es bloß das, was es nach meiner Wahl bedeuten soll - nicht mehr und nicht weniger"

"Die Frage ist", meinte Alice, "ob du Worte so viele unterschiedliche Dinge bedeuten lassen kannst."

"Die Frage ist", meinte Humpty Dumpty, "wer die Macht hat - das ist alles."

Carroll, Lewis (1872): Through the Looking-Glass. Raleigh, NC: Hayes Barton Press, 72 (deutsch: Alice hinter den Spiegeln; vgl Alice im Wunderland/Alice’s Adventures in Wonderland) 1865)

Zitiert (engl. Originalversion) nach: wikiquote.org (4/2014)

Vgl. deutsche Version: wikipedia.org (4/2014)

 

Je näher man ein Wort ansieht, desto ferner sieht es zurück.

Kraus, Karl (1911): Die Fackel: Nr. 326-327-328 vom 08.07.1911 (13. Jg.): 44

 

 

(...) und schließlich hat sich die Psychoanalyse als eine hochdifferenzierte Art des Spielens im Dienste der Kommunikation des Patienten mit sich selbst und anderen entwickelt.

Winnicott, Donald Woods (1971): Vom Spiel zur Kreativität. Stuttgart: Klett-Cotta 1974: 52


All unser redlichstes Bemühn
Glückt nur im unbewußten Momente.
Wie möchte denn die Rose blühn,
Wenn sie der Sonne Herrlichkeit erkennte!

von Goethe, Johann Wolfgang (1911): Sämmtliche Werke. Band 1: 168f
(Gedichte. 24. Zahme Xenien, Erste Reihe III). Link: google books

 

 

Das Wort verwundet leichter, als es heilt.

von Goethe, Johann Wolfgang (1803): Die natürliche Tochter. Trauerspiel (V. 1471). Link: wikipedia.org


Und allerdings ist für das Wohlsein des Menschen, ja, für die ganze Weise seines Daseins, die Hauptsache offenbar Das, was in ihm selbst besteht, oder vergeht. Hier nämlich liegt unmittelbar sein inneres Behagen, oder Unbehagen, als welches zunächst das Resultat seines Empfindens, Wollens und Denkens ist; während alles außerhalb Gelegene doch nur mittelbar darauf Einfluß hat. Daher affiziren die selben äußern Vorgänge, oder Verhältnisse, Jeden ganz anders, und bei gleicher Umgebung lebt doch Jeder in einer andern Welt. Denn nur mit seinen eigenen Vorstellungen, Gefühlen und Willensbewegungen hat er es unmittelbar zu thun: die Außendinge haben nur, sofern sie diese veranlassen, Einfluß auf ihn. Die Welt, in der Jeder lebt, hängt zunächst ab von seiner Auflassung derselben, richtet sich daher nach der Verschiedenheit der Köpfe: dieser gemäß wird sie arm, schaal und flach, oder reich, interessant und bedeutungsvoll ausfallen.

Schopenhauer, Arthur (1788-1860): Aphorismen zur Lebensweisheit. Leipzig: Insel-Verlag MCMXVn (1915): 17. Quelle online über  http://archive.org

 

 

Ethik verfährt (...) nicht anders als alle Philosophie: sie lehrt nicht fertige Urteile, sondern "Urteilen" selbst.

Hartmann, Nicolai (1925): Ethik. Berlin: Walter de Gruyter. 3. Aufl. 1949: 3


An den Mond [Auszug - erste Fassung]

Selig, wer sich vor der Welt

Ohne Haß verschließt

Einen Mann am Busen hält

Und mit dem genießt,

Was den Menschen unbewußt

Oder wohl veracht’

Durch das Labyrinth der Brust

Wandelt in der Nacht.

von Goethe, Johann Wolfgang (ca. 1777): Handschrift Goethes (Goethe- und Schillerarchiv)

Referenz: Karl Eibl, K. (1987): Johann Wolfgang Goethe. Sämtliche Werke, Briefe, Tagebücher und Gespräche, Band 1.  Frankfurt: Deutscher Klassiker Verlag: 234-235
(Link: Freiburger Anthologie)

 

An den Mond [Auszug - zweite Fassung]

Selig, wer sich vor der Welt

Ohne Haß verschließt,

Einen Freund am Busen hält,

Und mit dem genießt,

Was, von Menschen nicht gewußt,

Oder nicht bedacht,

Durch das Labyrinth der Brust

Wandelt in der Nacht.

von Goethe, Johann Wolfgang (ca. 1777): Gedichte. Ausgabe letzter Hand. 1827: 111

Referenz: Karl Eibl, K. (1987): Johann Wolfgang Goethe. Sämtliche Werke, Briefe, Tagebücher und Gespräche, Band 1. Frankfurt: Deutscher Klassiker Verlag: 301-302 (Link: Freiburger Anthologie)

Anmerkung: Freud zitiert die letzten 4 Zeilen in seiner Ansprache zum Goethe-Preis 1930 als Beleg für den Inhalt des Traumlebens. Freud, S. (1930e): Ansprache im Frankfurter Goethe-Haus. GW XIV: 548

 


 

Zivilisiertheit ist ein Verhalten, das die Menschen voreinander schützt und es ihnen zugleich ermöglicht, an der Gesellschaft anderer Gefallen zu finden. Eine Maske zu tragen gehört zum Wesen von Zivilisiertheit. Masken ermöglichen unverfälschte Geselligkeit, losgelöst von den ungleichen Lebensbedingungen und Gefühlslagen derer, die sie tragen. Zivilisiertheit zielt darauf, die anderen mit der Last des eigenen Selbst zu verschonen.

Das Gegenteil von Zivilisiertheit ist Unzivilisiertheit. Unzivilisiert ist es, andere mit dem eigenen Selbst zu belasten. Unzivilisiertheit bedeutet Einschränkung der Geselligkeit durch diese Last. Jeder kennt Menschen, die in diesem Sinne unzivilisiert sind: jene »Freunde«, die stets darauf aus sind, anderen Einlaß in die traumatische Sphäre ihrer alltäglichen Innenwelt zu gewähren, die am anderen nur ein einziges Interesse haben, daß er ihren Geständnissen sein Ohr leiht.

Sennet, Richard (1990): Verfall und Ende des öffentlichen Lebens. Die Tyrannei der Intimität. Frankfurt/M.: Fischer: 335 + 336


Lieder auf der Flucht : XV (Auszug)

Die Liebe hat einen Triumph und der Tod hat einen,

die Zeit und die Zeit danach.

Wir haben keinen

Bachmann, Ingeborg (1956): Werke (hg. v. C. Koschel et al.). München: Piper. Band 1: 147

Ingeborg Bachmann 1926-1973

(Grabinschrift auf dem Friedhof von Klagenfurt-Annabichl)


[Brief von Louise an Léon - Auszug]

Man gewöhnt sich an seine Leerstellen und lebt mit ihnen, sie gehören zu einem, und man möchte sie nicht missen; wenn ich mich jemandem beschreiben müsste, so würde mir als Erstes einfallen, dass ich die russische Sprache nicht beherrsche und keine Pirouetten drehen kann. So werden die Leerstellen allmählich zu Wesensmerkmalen und füllen sich gleichsam mut sich selber auf. Auch Du, die Sehnsucht nach Dir - oder auch nur das Wissen um Dich - füllt mich noch immer aus.

Capus, Alex (2011): Léon und Louise [Roman]. München: Carl Hanser Verlag: 185

 

Sudelbuch [Auszug]

Die gefährlichsten Unwahrheiten sind Wahrheiten mäßig entstellt.

Lichtenberg, Georg Christoph (1911): Schriften und Briefe.
Band 2, München 1967: 181 (H 23)
www.zeno.org

 

Georg Christoph Lichtenberg (1742-1799)

Professor für Experimentalphysik an der Universität Göttingen

 


483.

Feinde der Wahrheit. – Ueberzeugungen sind gefährlichere Feinde der Wahrheit, als Lügen.

Nietzsche, Friedrich (1844-1900): Menschliches Allzumenschliches I (1878), Kapitel 11, Neuntes Hauptstück:
 Der Mensch mit sich allein www.nietzschesource.org Ort: #eKGWB/MA-483

 

(You Make Me Feel Like) A Natural Woman

(Du läßt mich fühlen wie) Eine normale Frau

Looking out on the morning rain

I used to feel so uninspired

And when I knew I had to face another day

Lord, it made me feel so tired

Before the day I met you, life was so unkind

But you're the key to my peace of mind

Schaue rauß in den morgendlichen Regen

Fühlte ich mich so uninspiriert

Und als mir klar wurde, daß ich einen weiteren Tag zu bewältigen hatte

Gott, das hat mich so müde gemacht

Vor dem Tag an dem ich Dich traf, war das Leben so lieblos

Aber Du bist der Schlüssel zu meinem Seelenfrieden

'Cause you make me feel

You make me feel

You make me feel like

A natural woman

Weil Du mich fühlen läßt

Du mich fühlen läßt

Du läßt mich fühlen wie

Eine normale Frau

When my soul was in the lost and found

You came along, to claim it

I didn't know just what was wrong with me

'Til your kiss helped me name it

Now I'm no longer doubtful of what I'm living for

And if I make you happy I don't need to do more

Als meine Seele im Fundbüro war

Kamst Du vorbei, um sie zu beanspruchen

Ich wusste nicht genau was mit mir nicht stimmte

Bis Dein Kuss mir geholfen hat es zu benennen

Jetzt bin ich nicht länger voller Zweifel wofür ich lebe

Und wenn ich Dich glücklich mache, brauche ich nicht mehr zu tun

'Cause you make me feel

You make me feel

You make me feel like

A natural woman

Weil Du mich fühlen läßt

Du mich fühlen läßt

Du läßt mich fühlen wie

Eine normale Frau

Oh, baby, what you done to me?

You make me feel so good inside

And I just wanna be close to you

You make me feel so alive

Oh, Schatz, was Du mit mir getan hast,

Du läßt mich mein Inneres so gut anfühlen

Und ich will Dir einfach nur nahe sein

Du läßt mich so lebendig fühlen

You make me feel

You make me feel

You make me feel like

A natural woman

Weil Du mich fühlen läßt

Du mich fühlen läßt

Du läßt mich fühlen wie

Eine normale Frau

You make me feel

You make me feel

You make me feel like

A natural woman

Weil Du mich fühlen läßt

Du mich fühlen läßt

Du läßt mich fühlen wie

Eine normale Frau

Aretha Franklin (*1942 in Memphis, Tenessee)
Der Titel wurde 1967 auf der Single aus dem Album  'Lady Soul' auf Atlantic Records veröffentlich
(Co-Autoren des Titels: Gerry Goffin and Carole King; Idee: Jerry Wexler.)

Auf youtube.com finden sich Aufnahmen mit Aretha Franklin
als junger Sängerin und in reiferen Jahren mit dem Titel als Geschenk an das Präsidentenpaar (Clinton)

(dt. Übersetzung: J. Thorwart)


 

Das allerbeste Antidot gegen die Versuchung, libidinöse, aggressive, prägenitale Wünsche am Patienten zu befriedigen, ist jedoch, so glaube ich, die Freude an der eigentlichen analytischen Arbeit. Je mehr Lust an der Sache selbst gewonnen werden kann, desto weniger Lust muß aus Nebensachen gezogen werden. Was heißt Lust aus der Sache selber ziehen? Darunter verstehe ich eine offene, neugierige, zu experimentellen und spielerischem Umgang mit der Technik bereiten Haltung, die ohne Angst vor geheiligten Paradigmata das tun kann, was dem Fortgang des analytischen Prozesses dient.

Zugleich aber stammt diese Lust aus der entgegengesetzten Haltung, nämlich aus dem Vergnügen an Disziplin, Ordnng und wissenschaftlicher Redlichkeit. Ich will sagen, aus dem Vergnügen daran, sich stets dem Diskurs mit gesicherten Theoriestücken und erprobten Praxiserfahrungen zu stellen, das, was man tut, auch theoretisch begründen zu wollen. Ich meine also jene Lust, die aus der Spannung erwächst, die der psychoanalytischen Technik immanent ist, zu heilen und zu forschen. (...)

Und wie kontrolliere ich, ob ich in dieser freieren, offeneren Praxis noch die Abstinenzregel beachte? Die Kontrolle darüber gewährleistet die Frage, ob ich das, was ich tue, tue, weil ich es brauche, oder weil der Patient es braucht.

Cremerius, Johannes (1988): Aus gegebenem Anlaß. ABSTINENZ - MAXIME UND REALITÄT. In: Anonyma (1988): Verführung auf der Couch. Ein Niederschrift. Freiburg: Kore, 186-188 (1988 als Vortag an der Akademie für Psychoanalyse und Psychotherapie München e.V. gehalten – Cremerius war Mitglied des Instituts).


 

Das absolut Andere das ist der Andere.
(Original: L'absolument Autre, c'est Autrui)

Lévinas, Emmanuel (1987): Totalität und Unendlichkeit.
Versuch über die Exteriorität. Freiburg: Alber, 44 (Original: Totalité et infini. Essai sur l'extériorité. 1980: 9)


Das absolut Andere das ist der Andere. Er bildet keine Mehrzahl mit mir. Die Gemeinsamkeit, in der ich 'Du' oder 'Wir' sage, ist nicht ein Plural von 'Ich'. Ich, Du sind nicht Individuen eines gemeinsamen Begriffes. An den Anderen bindet mich weder der Besitz noch die Einheit der Zahl noch auch die Einheit des Begriffs. Es ist das Fehlen eines gemeinsamen Vaterlandes, das aus dem Anderen den Fremden macht, den Fremden, der das Bei-mir-zu-Hause stört. Aber Fremder, das bedeutet auch der Freie. Über ihn vermag mein Vermögen nichts. Eine wesentliche Seite an ihm entkommt meinem Zugriff, selbst wenn ich über ihn verfüge. Er ist nicht ganz an meinem Ort. Aber ich, der ich mit dem Fremdebn keinen gemeinsamen Begriff habe, ich bin, wie er, ohne genus. Wir sind der Selbe und der Andere. Die Konjunktion und zeigt hier weder Addition der Termini noch Macht des einen Terminus über den anderen an. Wir werden hier versuchen zu zeigen, daß die Beziehung desSelben und des Anderen - die wir so außeraußerordentlichen Bedingungen zu unterstellen scheinen - die Sprache ist.(...)

Die Rede bewahrt den Abstand zwischen mir und dem Anderen; sie hält an der radikalen Trennung fest, welche die Wiederaufrichtung der Totalität verhindert und in der Trabnszendenz vorausgesetzt ist; (...).

Lévinas, Emmanuel (1987): Totalität und Unendlichkeit. Versuch über die Exteriorität. Freiburg: Alber, 44 und 45 f (Original: Totalité et infini. Essai sur l'extériorité. 1980: 9 und 10f)

 

 

Der Kleine Prinz [Auszug]

Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.

Saint-Exupéry, Antoine de (1943): Der kleine Prinz (Kapitel 21)


Klärchens Lied

Freudvoll

Und leidvoll,

Gedankenvoll sein,

Langen

Und bangen

In schwebender Pein,

Himmelhoch jauchzend,

Zum Tode betrübt –

Glücklich allein

Ist die Seele, die liebt.

von Goethe, Johann Wolfgang Egmont. 3. Aufzug, 2. Szene (Klärchen singt); www.gutenberg.org

 

 

Sapere aude! Habe Muth dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.

Es ist also für jeden einzelnen Menschen schwer, sich aus der ihm beinahe zur Natur, gewordenen Unmündigkeit herauszuarbeiten. Er hat sie sogar lieb gewonnen, und ist vor der Hand wirklich unfähig, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, weil man ihn niemals den Versuch davon machen ließ.

Kant, Immanuel  (1784): Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? In: Berlinische Monatsschrift, 1784, H. 12 (481-494): 481 und 482f; online: www.deutschestextarchiv.de

Anmerkung: Kant übersetzt hier einen Text aus den Briefen (Episteln) des römischen Dichters Horaz (Epist. I,2,40); siehe: www.herok.info


 

[Anekdote: Bion und der Revolver]

Owen Renik erzählt in seiner Arbeit über Standards and standardization (2003) – sie beruht auf einer offiziösen Rede, die er als Leiter des Board on Professional Standards der American Psychoanalytic Association hielt – eine Anekdote über Wilfred Bion, die, so meint er, das Problem gut auf den Punkt bringt. Bion stellte auf einem Treffen der British Psychoanalytical Society einen Fall vor. Er war, wie Sie wissen, nicht nur ein eminenter Analytiker, sondern auch ein dekorierter Offizier des Zweiten Weltkrieges, der die Waffe zu führen wusste. Nachdem er an dem Abend eingeführt worden war, bereitete Bion seinen Vortrag vor. Er zog das Manuskript aus der Tasche und legte es auf den Tisch. Er nahm seine Armbanduhr ab und legte sie dazu. Schließlich zog er eine Pistole aus der Tasche und legte sie ebenfalls daneben. An diesem Punkt rief ein alarmierter Kollege aus der Zuhörerschaft: »Professor Bion! Wozu ist die denn da?« »Oh, die?«, antwortete Bion. »Die ist für die erste Person, die zu mir sagen wird, dass das, was ich mache, keine Psychoanalyse mehr ist!« (Renik 2003, S. 43f, übersetzt von H.W.).

Will, Herbert (2006): Psychoanalytische Kompetenzen. Standards und Ziele für die psychotherapeutische Ausbildung und Praxis. Stuttgart: Kohlhammer, 10f

Renik. Owen (2003): Standards and standardization. Journal American Psychoanalytical Association (Supplement) 51: 43-55


 

Leider zeigt die Geschichte der »Zvilisation«, daß eine Neigung zur Zusammenarbeit und zum Teilen nur recht sporadisch vohanden ist. (120) [135]

Aus Wrights Daten geht hervor, daß eine Gesellschaft umso kriegerischer ist, je mehr Arbeitsteilung in ihr herrscht, und daß Gesellschaften mit einem Klassensystem die am meisten kriegerischen sind. Schließlich zeigen seine Daten auch, daß die Kriegslust um so geringer ist, je ausgewogener das Gleichgewicht der verschiedenen Gruppen und das Gleichgewicht zwischen der Gruppe und ihrer physischen Umgebung ist, während häufige Störungen des Gleichgewichts zu einer erhöhten Kriegsbereitschaft führen. (132) [149]

Fast jeder zieht den Schluß: Wenn schon zivilisierte Menschen so kriegslüstern sind, wieviel kriegslüsterner müssen dann erst die Primitiven gewesen sein. Aber die Ergebnisse von Wright bestätigen die These, daß die primitivsten Menschen die am wenigsten kriegerischen sind und  daß die Kriegslust mit der Zivilisation zunimmt. (133) [149f]

Daß Destruktivität und Grausamkeit nicht wesensmäßig zur menschlichen Natur gehören, besagt freilich nicht, daß sie nicht intensiv und weit verbreitete wären. (159) [177]

Die Geschichte der Menschheit ist der Bericht einer außerordentlichen Destruktivität und Grausamkeit, und die Aggression des Menschen ist offenbar weit größer als die seiner tiereischen Ahnen; der Mensch ist im Gegensatz zu den meisten Tieren ein wirklicher »Killer«. (165)[185]

Die These, daß der Krieg durch eine angeborene menschliche Destruktivität verursacht werde, ist einfach absurd für jemand, der auch nur die geringsten geschichtlichen Kenntnisse besitzt. (189) [210f]

Fromm, Erich (1973a): Anatomie der menschlichen Destruktivität. Gesamtausgabe Band VII: Aggressionstheorie: München: dtv 1. Aufl. 1989; die Angaben in [Klammern] verweisen auf die Originalausgabe


Kleines Solo

Einsam bist du sehr allein.

Aus der Wanduhr tropft die Zeit.

Stehst am Fenster. Starrst auf Steine.

Träumst von Liebe. Glaubst an keine.

Kennst das Leben. Weißt Bescheid.

Einsam bist du sehr alleine –

und am schlimmsten ist Einsamkeit zu zweit.

Wünsche gehen auf die Freite*.

Glück ist ein verhexter Ort.

Kommt dir nahe. Weicht zur Seite.

Sucht vor Suchenden das Weite.

Ist nie hier. Ist immer dort.

Stehst am Fenster. Starrst auf Steine.

Sehnsucht krallt sich in Dein Kleid.

Einsam bist du sehr alleine –

und am schlimmsten ist die Einsamkeit zu zweit.

Schenkst dich hin. Mit Haut und Haaren.

Magst nicht bleiben, wer du bist.

Liebe treibt die Welt zu Paaren.

Wirst getrieben. Musst erfahren,

dass es nicht die Liebe ist …

Bist sogar im Kuss alleine.

Aus der Wanduhr tropft die Zeit.

Gehst ans Fenster. Starrst auf Steine.

Brauchtest Liebe. Findest keine.

Träumst von Glück. Und lebst im Leid.

Einsam bist du sehr alleine –

und am schlimmsten ist die Einsamkeit zu zweit.

(* auf Brautschau gehen, um jemandes Hand anhalten)

Kästner, Erich (1899 - 1974):  Kleines Solo (1947): www.deutschelyrik.de

 

26. [Auszug]

Belauern und belauschen wir uns nur selber, in jenen Minuten, wo wir einen uns neuen Satz hören oder finden. Vielleicht missfällt er uns, weil er so trotzig, so selbstherrlich dasteht: unbewusst fragen wir uns, ob wir ihm nicht einen Gegensatz als Feind zur Seite ordnen, ob wir ihm ein „Vielleicht“, ein „Mitunter“ anhängen können; selbst das Wörtchen „wahrscheinlich“ giebt uns eine Genugthuung, weil es die persönlich lästige Tyrannei des Unbedingten bricht.

Nietzsche, Friedrich (1844-1900): Menschliches Allzumenschliches II (1879): § VM — 26.
http://www.nietzschesource.org Ort: #eKGWB/VM-26

 

133. [Auszug]

Die Wahrheit ist: im Mitleid — ich meine in dem, was irreführender Weise gewöhnlich Mitleid genannt zu werden pflegt, — denken wir zwar nicht mehr bewusst an uns, aber sehr stark unbewusst, wie wenn wir beim Ausgleiten eines Fusses, für uns jetzt unbewusst, die zweckmässigsten Gegenbewegungen machen und dabei ersichtlich allen unseren Verstand gebrauchen.

Anmerkung: Nietzsche deutet das Mitleid einschließlich des daraus resultierenden Handlungsimpulses - z. B. jemand in Not zu helfen - mit einer unbewußten Motivation: Als etwa auftretende Ohnmacht und Feigheit (nicht dem Verletzten zu helfen) - einschließlich der Verletzung der Ehre (sich selbst und anderen gegenüber); als Vermeidung von der Peinlichkeit angesichts der eigenen Gefährdetheit und Gebrechlichkeit; als Möglichkeit feiner Notwehr oder Rache; als Genugtuung, sich als Mächtigerer, Helfender zu fühlen und des Beifalls sicher oder als Versuch, sich aus der Langeweile herausreißen.

Nietzsche, Friedrich (1844-1900): Morgenröthe (1881): § 133
www.nietzschesource.org Ort:  #eKGWB/M-133

Friedrich Nietzsche (1844-1900)

Philologe und Philosoph


 

608

Ursache und Wirkung verwechselt. — Wir suchen unbewusst die Grundsätze und Lehrmeinungen, welche unserem Temperamente angemessen sind, so dass es zuletzt so aussieht, als ob die Grundsätze und Lehrmeinungen unseren Charakter geschaffen, ihm Halt und Sicherheit gegeben hätten: während es gerade umgekehrt zugegangen ist. Unser Denken und Urtheilen soll nachträglich, so scheint es, zur Ursache unseres Wesens gemacht werden: aber thatsächlich ist unser Wesen die Ursache, dass wir so und so denken und urtheilen. — Und was bestimmt uns zu dieser fast unbewussten Komödie? Die Trägheit und Bequemlichkeit und nicht am wenigsten der Wunsch der Eitelkeit, durch und durch als consistent, in Wesen und Denken einartig erfunden zu werden: denn diess erwirbt Achtung, giebt Vertrauen und Macht.

Nietzsche, Friedrich (1844-1900): Menschliches Allzumenschliches I (1878): § 608
www.nietzschesource.org Ort: #eKGWB/MA-608


 

333. [Auszug]

Die längsten Zeiten hindurch hat man bewusstes Denken als das Denken überhaupt betrachtet: jetzt erst dämmert uns die Wahrheit auf, dass der allergrösste Theil unseres geistigen Wirkens uns unbewusst, ungefühlt verläuft; (…).

Nietzsche, Friedrich (1844-1900): Die fröhliche Wissenschaft (1882): § 333
www.nietzschesource.org/ Ort: #eKGWB/FW-333


Frühling der Seele [Auszug]

Es ist die Seele ein Fremdes auf Erden.

Trakl, Georg (veröffentlicht 1915): Die Dichtungen. Frankfurt/M. Insel Verlag, 149
 Link: gutenberg.spiegel.de

Gesamtwerk (literarische Texte und Briefe): www.literaturnische.de/Trakl/index-trakl.htm

Georg Trakl (1887-1914)

Schriftsteller, Vertreter des österreichischen Expressionismus


146.

Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehn, dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird. Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.

Nietzsche, Friedrich (1844-1900): Jenseits von Gut und Böse (1886): § 146 www.nietzschesource.org Ort: #eKGWB/JGB-146

Friedrich Nietzsche (1844-1900)

Philologe und Philosoph


Klaus Nomi (1944-1983)

Countertenor im Bereich der Popmusik (bürgerlich: Klaus Sperber).

Bei dem "Cold Song" handelt es sich um die Arie "What Power Art Thou" (vom "Génie du froid") aus dem dritten Akt der Semi-Oper "King Arthur. The British Worthy" von Henry Purcell (1659–1695). In der berühmtesten Szene der Oper (Frost-Szene) soll gezeigt werden, wie die Macht der Liebe imstande ist, jedes noch so kalte Herz aufzutauen.

Die exaltierten Auftritte von Klaus Nomi waren sehenswert (ich hatte einmal die Gelegenheit ihn live zu sehen), im Internet (www.youtoube.com) finden sich verschiedene Aufnahmen.

Das Lied findet sich u.a. auf der LP/CD:
The Collection (1991)

(Dt. Übersetzung des Liedtextes von JT)

Cold Song

What power art thou?

Who from below

Hast made me rise?

Unwillingly and slow

From beds of everlasting snow!

See'st thou not how stiff

And wondrous old?

Far unfit to bear the bitter cold ...

I can scarcely move

Or draw my breath

I can scarcely move

Or draw my breath

Let me, let me

Let me, let me

Freeze again ...

Let me, let me

Freeze again to death!

Cold Song

Welche Macht bist Du?

Wer von unten

Mich liess aufersteh'n?

Unwillig und langsam

Aus den Betten des ewigen Schnees!

Siehst Du nicht wie steif

Und wundersam alt [ich bin]?

Gar untauglich die bitt´re Kälte zu ertragen ...

Ich kann mich kaum bewegen

Oder Atem holen

Ich kann mich kaum bewegen

Oder Atem holen

Laß mich, laß mich

Laß mich, laß mich

Wieder einfrieren ...

Laß mich, laß mich

Wieder zu Tode frier´n!


 

[Über den Umgang mit dem Tod]

Der Tod lauert auf uns in allen Ecken. (123)

So laßt uns lernen, ihm Fuß halten und nicht Reißaus geben. Und, um damit anzufangen, ihm seinen großen Vortheil über uns abzugewinnen, müssen wir eine der gwöhnlichen ganz entgegengesetzte Methode einschlagen. Benehmen wir ihm das Fremde, machen wir seine Bekanntschaft, halten wir mit ihm Umgang, und lassen uns nichts so oft vor den Gedanken vorbei eilen, aös den Tod. Halten wir ihm alle Augenblicke unsrer Einbildung vor, und zwar unter allen seinen Gestalten. (131)

Es ist ungewiß, wo uns der Tod erwartet; erwarten wir ihn also allenthalben! Sinnen auf den Tod, ist Sinnen auf Freyheit. (132)

de Montaigne, Michel Eyquem (1793): Gedanken und Meinungen über allerley Gegenstände. Erster Band. Berlin: F. T. Lagarde (online verfügbar über google-books)


Was für die Raupe das Ende der Welt bedeutet, nennt der Rest der Welt Schmetterling.

Herkunft unbekannt (häufig Lao tse/Laozi zugeschrieben)

Bild: © Lisa Spreckelmeyer/pixelio.de (lizenzfrei)

 


 

Die Zukunft ist uns verborgen. Aber fühlt der Astronom das, der eine Sonnenfinsternis berechnet?

Wittgenstein, Ludwig (1949/1993): Lertzte Schriften über die Philosophie der Psychologie (1949-1950). Das Innere und das Äußere. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 35


 

Die Sprache ist ein Labyrinth von Wegen. Du kommst von einer Seite und kennst dich aus; du kommst von einer anderen zur selben Stelle, und kennst dich nicht mehr aus.

Wittgenstein, Ludwig (1958/1971): Philosophische Untersuchungen. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 106 (Nr. 203)


 

Eine Hauptursache philosophischer Krankheiten ̶̶ einseitige Diät: man nährt sein Denken nur mit einer Art von Beispielen.

Wittgenstein, Ludwig (1958/1971): Philosophische Untersuchungen. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 189 (Nr. 593)

Anmerkung: Das könnte auch für andere (psychologische und psychoanalytische) Krankheiten gelten!


Erich Fried (1921-1988) wurde in Wien geboren, floh 1938 nach London, wo er bis zu seinem Tod 1988 lebte. Er schrieb überaus kritische politische Gedichte (so 1966: "und Vietnam und"), seine israelkritischen Gedichten (z. B. "Höre Israel") sind bis heute schwer (oder gar nicht) zu verdauen. Spätestens seit dem 1979 erschienenen Band "Liebesgedichte" gehört er zu den meistgelesenen deutschsprachigen Lyrikern.

Im Verlag Klaus Wagenbach ist eine schöne vierbändige gebundene Ausgabe seines Werkes (Gedichte & Prosa) zu einem erstaunlichen Preis, über 2.500 Seiten für 68 Euro erschienen (siehe rechts).

Drei Wünsche

Ich wollte manchmal

ich wäre so erfahren

wie ich alt bin

oder auch nur

so klug

wie ich erfahren bin

oder wenigstens

so glücklich

wie ich klug bin

aber ich glaube

ich bin

zu dumm dazu

Fried, Erich (1982)Gesammelte Werke. Gedichte Band 2.
Verlag Klaus Wagenbach Berlin 1993, 652 (Das Nahe suchen)


Briefe Sigmund Freud an Sándor Ferenczi & Ludwig Binswanger (Auszüge)

Anmerkung: Freuds zweite Tochter Sophie, von ihm liebevoll als "Sonntagskind" bezeichnet, starb am 25. Januar 1920 mit 27 Jahren an einer schweren Grippe.

Der Todesfall, so schmerzlich er ist, findet doch keine Lebenseinstellung umzuwerfen. Jahrelang war ich auf den Verlust der Söhne gefaßt, nun kommt der der Tochter; da ich im tiefsten ungläubig bin, habe ich niemand zu beschuldigen und weiß, daß es keinen Ort gibt, wo man eine Klage anbringen könnte.

Sigmund Freud. Briefe 1873-1939 (ausgewählt und herausgegeben v. E. und L. Freud): Frankfurt/M.: Fischer 1968: 346 (Wien, 4.2.1920 an Sándor Ferenczi)

Wenige Wochen später schrieb Freud an Ludwig Binswanger:

Seither liegt ein schwerer Druck auf uns allen, den ich auch in meiner Arbeitsfähigkeit verspüre. Die Ungeheuerlichkeit, daß Kinder vor den Eltern sterben sollen, haben wir beide nicht verwunden.

Sigmund Freud & Ludwig Binswanger. Briefwechsel 1908-1938 (herausgegeben v. G. Fichtner): Frankfurt/M.: Fischer 1992: 169 (122 F, Wien, 14.03.1920)

Als Reaktion auf den plötzlichen Tod des achtjährigen Sohnes von Binswanger (im Mai 1926) schrieb er ihm :

Ich kann es doch nicht unterlassen, Ihnen zu schreiben, nicht ein Wort überflüssigen Beileids, sondern – ja eigentlich nur aus innerem Drange, weil Ihr Brief eine Erinnerung in mir geweckt hat – unsinnig! –, die ja nie eingeschlafen war. Es ist richtig, ich habe eine geliebte Tochter im Alter von 27 Jahren verloren, aber dies vertrug ich merkwürdig gut. Es war das Jahr 1920, man war zermürbt durch das Kriegselend, durch Jahre darauf vorbereitet zu hören, daß man einen Sohn oder gar drei Söhne verloren hat. So war die Gefügigkeit gegen das Schicksal vorbereitet. Aber zwei Jahre später brachte ich das jüngere Kind dieser Tochter, ein Kerlchen von 3–4 Jahren nach Wien, wo es meine kinderlose Älteste zu sich nahm, und dieses Kind ist uns – Juni '23 – an rapid verlaufender Militärtuberkulose gestorben. (...) Mir stand es für alle Kinder und anderen Enkel, und seither, seit Heineles Tod mag ich die Enkel nicht mehr, aber freue mich auch nicht am Leben. Es ist auch das Geheimnis der Indifferenz – Tapferkeit hat man es genannt – bei meiner eigenen Lebensgefahr.
Mein Schicksal hat ja eine Ähnlichkeit mit dem Ihren, auch bei mir ist das Neugebilde nicht wiedergekommen. In dem anderen Punkt, hoffe ich, werden Sie sich der Ähnlichkeit entziehen. Sie sind jung genug, um den Verlust zu überwinden; ich muß ja nicht mehr.

Sigmund Freud & Ludwig Binswanger. Briefwechsel 1908-1938 (herausgegeben v. G. Fichtner): Frankfurt/M.: Fischer 1992: 208 (154 F, Wien, 15.10.1926)

Und nocheinmal, drei Jahre später kommt er auf das Thema zurück:

Gerade heute wäre meine verstorbene Tochter sechsunddreißig Jahre als geworden. (…).

Man weiß, daß die akute Trauer nach einem solchen Verlust ablaufen wird, aber man wird ungetröstet bleiben, nie einen Ersatz finden. Alles, was an die Stelle rückt, und wenn es sie auch ganz ausfüllen sollte, bleibt doch etwas anderes. Und eigentlich ist es recht so. Es ist die einzige Art, die Liebe fortzusetzen, die man ja nicht aufgeben will.

Sigmund Freud & Ludwig Binswanger. Briefwechsel 1908-1938 (herausgegeben v. G. Fichtner): Frankfurt/M.: Fischer 1992: 222 (168 F, Wien, 11/12.04.1929)


Brief an Paul Demeny, 15.05.1871 [Auszug]

Ich ist ein anderer.
(Original: Car Je est un autre.)

Rimbaud, Arthur (1881): Seher-Briefe. Lettres du voyant (übers. u. hg. v. W. v. Koppenfels). Mainz: Dieterich'sche Verlagsbuchhandlung 1990, 20

online (französisches Original - Auszug!)

Arthur Rimbaud (1854-1891)

französischer Lyriker, Abenteurer und Geschäftsmann

Anmerkung: Das Zitat stammt aus einem Brief Rimbauds an seinen Rhetoriklehrer Paul Demeny. Daß Rimbaud explizit nicht schrieb "Ich bin ein anderer" deutet darauf hin, worum es ihm geht: Der Dichter ist nicht souveräner Autor seiner Worte, sondern vielmehr eine Art von Medium, das durch ihn spricht. Denken und Sprechen enspringen aus seiner Sicht nicht dem 'identischen' Ich: "Es ist falsch, zu sagen: Ich denke; man sollte sagen: Es denkt mich. ̶  Entschuldigen Sie das Wortspiel.  ̶
Was soll man machen, wenn das Holz auf einmal Violine wird? Ein Hohngelächter all den Ahnungslosen, die über Dinge räsonieren, von denen sie nicht das Geringste verstehen.
" (Rimbaud am 13.05.1871 an Georges Izambard); Quelle: siehe links, 11/13


 

Wir mußten Freud recht geben, wenn er in unserer Kultur, unserer Zivilisation nur eine dünne Schicht sah, die jeden Augenblick von den destruktiven Kräften der Unterwelt durchstoßen werden kann, wir haben allmählich uns gewöhnen müssen, ohne Boden unter unseren Füßen zu leben, ohne Recht, ohne Freiheit, ohne Sicherheit.

Zweig, Stefan (1944): Die Welt von Gestern. Frankfurt/M.: Fischer, Frankfurt 1970, S. 19

online: Projekt Gutenberg (über http://gutenberg.spiegel.de): Die Welt von Gestern

Anmerkung: Zweig war von Freud sehr beeindruckt. 1926 schrieb er: Mir ist die Psychologie (Sie verstehen dies wie kein zweiter) heute eigentlich die Passion meines Lebens. Und ich möchte dann einmal, wenn ich weit genug bin, sie am schwersten Object üben, an mir selbst. (Brief v. 8.09.1926 an Freud*). In ihrem Briefwechsel bis zum Tod Freuds (Frankfurt: Fischer 1968) schrieb Zweig in der Anrede: "Liebster Vater Freud". Das Buch "Die Welt von Gestern" ist eine Autobiograpie, die Zweig 1942 kurz von seinem Freitod in Brasilien schrieb.
* Zweig, S. (1908-39): Über Sigmund Freud. Portrait, Briefwechsel, Gedenkworte. Frankfurt/M.: Fischer 1989


Erich Fried (1921-1988)

Angst und Zweifel

Zweifle nicht

an dem

der dir

sagt

er hat Angst

aber hab Angst

vor dem

der dir sagt

er kennt keinen Zweifel

Fried, Erich (1974)Gesammelte Werke. Gedichte Band 2. Verlag Klaus Wagenbach Berlin 1993, 202 (Gegengift)


Was es ist

Es ist Unsinn

sagt die Vernunft

Es ist was es ist

sagt die Liebe

 

Es ist Unglück

sagt die Berechnung

Es ist nichts als Schmerz

sagt die Angst

Es ist aussichtslos

sagt die Einsicht

Es ist was es ist

sagt die Liebe

Es ist lächerlich

sagt der Stolz

Es ist leichtsinnig

sagt die Vorsicht

Es ist unmöglich

sagt die Erfahrung

Es ist was es ist

sagt die Liebe

Fried, Erich (1983)Gesammelte Werke. Gedichte Band 3. Verlag Klaus Wagenbach Berlin 1993, 35 (Es ist was es ist)

Erich Fried (1921-1988)


Frank Wedekind (1905):
Die vier Jahreszeiten.
München: Albert Langen Verlag, 32

 

Der Gefangene (1902)

Oftmals hab' ich nachts im Bette

Schon gegrübelt hin und her,

Was es denn geschadet hätte,

Wenn mein Ich ein Andrer wär'.

Höhnisch raunten meine Zweifel

Mir die tolle Antwort zu:

Nichts geschadet, dummer Teufel,

Denn der Andre wärest du!

Hilflos wälzt ich mich im Bette

Und entrang mir dies Gedicht,

Rasselnd mit der Sklavenkette,

Die kein Denker je zerbricht.


 

Nicht da ist man daheim, wo man seinen Wohnsitz hat, sondern wo man verstanden wird.

Morgenstern, Christian (1891): Aphorismen. Stuttgarter Ausgabe, Band 5 (hg. v. Reinhardt Habel). Stuttgart: Verlags Urachhaus 1987: 254 (1146)


 

Der Narzissmus des Analytikers erscheint geeignet, eine besonders ausgiebige Fehlerquelle zu schaffen, indem er mitunter eine Art narzisstischer Gegenübertragung zustande bringt, die den Analysierten veranlasst, einesteils Dinge in den Vordergrund zu schieben, die dem Arzt schmeicheln, andernteils ihn betreffende Bemerkungen und Einfälle abfälliger Art zu unterdrücken. Beides ist technisch unrichtig; das erste, indem es zu Scheinbesserungen des Patienten führen kann, die nur darauf berechnet sind, den Analytiker zu bestechen und ihm auf diese Weise libidinöse Gegensympathie abzugewinnen; das zweite, indem es den Analytiker von der technischen Notwendigkeit abhält, bereits leise Anzeichen der sich meist nur zaghaft hervorwagenden Kritik aufzuspüren und dem Patienten zur unverhüllten Aussprache, beziehungsweise Abreaktion, zu verhelfen.

Ferenczi, Sándor (1924): Entwicklungsziele der Psychoanalyse (Zur Wechselbeziehung von Theorie und Praxis). Bausteine zur Psychoanalyse III. Frankfurt/M.: Ullstein: 238f


 

Keinesfalls darf man sich schämen, früher gemachte Irrtümer rückhaltlos zu bekennen. Man vergesse nie, dass die Analyse kein Suggestivverfahren ist, bei dem vor allem das Ansehen des Arztes und seine Unfehlbarkeit zu wahren ist. Das einzige, worauf auch die Analyse Anspruch erhebt, ist das Vertrauen zur Offenheit und Aufrichtigkeit des Arztes, und diesem tut das offene Bekennen eines Irrtums keinen Schaden an.

Ferenczi, Sándor (1927/28): Die Elastizität der psychoanalytischen Technik. Bausteine zur Psychoanalyse III. Frankfurt/M.: Ullstein: 390


 

Die analytische Einstellung fordert vom Arzte nicht nur die strenge Kontrolle des eigenen Narzissmus, sondern auch die scharfe Überwachung von Gefühlsreaktionen jeglicher Art. War man früher etwa der Ansicht, dass ein allzu hoher Grad von "Antipathie" eine Gegenanzeige gegen die Durchführung einer analytischen Kur abgeben kann, so müssen wir nach tieferer Einsicht in die Verhältnisse eine solche Gegenindikation von vornherein ausschliessen und vom analysierten Analytiker erwarten, dass seine Selbstkenntnis und Selbstkontrolle stärker ist, als dass er sich vor Idiosynkrasien beugen müsste. Jene "antipathischen Züge" sind ja in den meisten Fällen nur Vorbauten, hinter denen sich ganz andere Eigenschaften verstecken. Es hiesse also dem Patienten aufzusitzen, ginge man auf solche Fallen ein; das Weggejagtwerden ist oft der unbewusste Zweck des unausstehlichen Benehmens. Das Wissen um diese Dinge befähigt uns, auch den unerquicklichsten oder abstossendsten Menschen in voller Überlegenheit als einen heilungsbedürftigen Patienten zu betrachten und ihm, als solchem, sogar unsere Sympathie nicht zu versagen. Diese mehr als christliche Demut zu erlernen, gehört zu den schwersten Aufgaben der psychoanalytischen Praxis. Bringen wir sie aber zustande, so mag uns die Korrektur auch in verzweifelten Fällen gelingen. Ich muss nochmals betonen, dass auch hier nur die wirkliche Gefühlseinstellung hilft; eine nur gemachte Pose wird von scharfsinnigen Patienten mit Leichtigkeit entlarvt.

Ferenczi, Sándor (1927/28): Die Elastizität der psychoanalytischen Technik. Bausteine zur Psychoanalyse III. Frankfurt/M.: Ullstein: 390f


 

Das Nichtmitgeteilte, das Nichtmitteilbare, das, was niemandem erzählt wurde und auf niemanden Eindruck machte, das, was nirgends eingeht in das Bewußtsein der Zeiten und ohne Bedeutung in dem dumpfen Chaos des unbestimmten Vergessens versinkt, ist verdammt zur Wiederholung; es wiederholt sich, weil es, obwohl wirklich geschehen, in der Wirklichkeit keine Bleibe gefunden hat.

Arendt, Hannah (1975): Rahel Varnhagen. Lebensgeschichte einer deutschen Jüdin aus der Romantik, München: Ullstein [1959] 1975: 104


Der Mensch mit sich allein [Auszug]

491.

Selbstbeobachtung. — Der Mensch ist gegen sich selbst, gegen Auskundschaftung und Belagerung durch sich selber, sehr gut vertheidigt, er vermag gewöhnlich nicht mehr von sich, als seine Aussenwerke wahrzunehmen. Die eigentliche Festung ist ihm unzugänglich, selbst unsichtbar, es sei denn, dass Freunde und Feinde die Verräther machen und ihn selber auf geheimem Wege hineinführen.

Nietzsche, Friedrich (1844-1900): Menschliches Allzumenschliches I (1878): § 491
www.nietzschesource.org
Ort: #eKGWB/MA-491

 

116.

Die unbekannte Welt des "Subjects". — Das, was den Menschen so schwer zu begreifen fällt, ist ihre Unwissenheit über sich selber, von den ältesten Zeiten bis jetzt! Nicht nur in Bezug auf gut und böse, sondern in Bezug auf viel Wesentlicheres! Noch immer lebt der uralte Wahn, dass man wisse, ganz genau wisse, wie das menschliche Handeln zu Stande komme, in jedem Falle. Nicht nur "Gott, der in’s Herz sieht", nicht nur der Thäter, der seine That überlegt, — nein, auch jeder Andere zweifelt nicht, das Wesentliche im Vorgange der Handlung jedes Andern zu verstehen. "Ich weiss, was ich will, was ich gethan habe, ich bin frei und verantwortlich dafür, ich mache den Andern verantwortlich, ich kann alle sittlichen Möglichkeiten und alle inneren Bewegungen, die es vor einer Handlung giebt, beim Namen nennen; ihr mögt handeln, wie ihr wollt, — ich verstehe darin mich und euch Alle!" — so dachte ehemals Jeder, so denkt fast noch Jeder. (…) Die Handlungen sind niemals Das, als was sie uns erscheinen! Wir haben so viel Mühe gehabt, zu lernen, dass die äusseren Dinge nicht so sind, wie sie uns erscheinen, — nun wohlan! mit der inneren Welt steht es ebenso! Die moralischen Handlungen sind in Wahrheit "etwas Anderes", — mehr können wir nicht sagen: und alle Handlungen sind wesentlich unbekannt. Das Gegentheil war und ist der allgemeine Glaube: wir haben den ältesten Realismus gegen uns; bis jetzt dachte die Menschheit: "eine Handlung ist Das, als was sie uns erscheint." (…).

Nietzsche, Friedrich (1844-1900): Morgenröthe (1881): § 116. www.nietzschesource.org Ort: #eKGWB/M-116

 

 

189.

Der Denker. — Er ist ein Denker: das heisst, er versteht sich darauf, die Dinge einfacher zu nehmen, als sie sind.

Nietzsche, Friedrich (1844-1900): Die fröhliche Wissenschaft (1882): § 189
www.nietzschesource.org Ort: #eKGWB/FW-189


Ludwig Andreas Feuerbach (1804-1872);
deutscher Philosoph und Anthropologe

Denn nicht Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde, wie es in der Bibel heißt, sondern der Mensch schuf, wie ich im Wesen des Christenthums zeigte, Gott nach seinem Bilde.

Feuerbach, Ludwig (1851): Ludwig Feuerbach's sämmtliche Werke. 8. Band: Vorlesungen über das Wesen der Religion. Leipzig: Verlag Otto Wigand: 241; google books


Der Geist will sich vermählen mit dem Begriff: ich will geliebt oder ich will begriffen sein, das ist eins.

von Arnim, Bettina (Elisabeth) (1835): Tagebuch. Berlin Ferdinand Dümmler: 36;
Deutsches Textarchiv

Bettina von Arnim,
geb. Brentano (1785 - 1859), deutsche Schriftstellerin,
Vertreterin der Romantik


Ungeplant

Daß ich

iel zu alt bin

für dich

oder daß du

zu jung bist für mich

das sind alles

gewichtige Argumente

die entscheidend wären

in den Lehrwerkstätten

in denen

die aufgeklärteren Menschen

sich ihre berechnete Zukunft

zurechtschneiden

streng nach Maß

Fried, Erich (1983)Gesammelte Werke. Gedichte Band 3. Verlag Klaus Wagenbach Berlin 1993, 26 (Es ist was es ist)

Erich Fried (1921-1988)


Wage es, weise zu sein

Immanuel Kant (1784)

Sapere aude

Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!

 

Immanuel Kant (1724-1804) erklärte seine Interpretation des lateinischen Spruches 1784 zum Leitspruch der Aufklärung; im Original aus dem Buch der Episteln des Dichters Horaz (20 v. Chr.): Dimidium facti, qui coepit, habet: sapere aude, / incipe. (Epist. I,2,40 f.)


John Lennon (9.10.1940 - 8.12.1980)

You may say I'm a dreamer

But I'm not the only one

Lennon, John (1971): Imagine (Liedtext)


3) Allgemeines über alle Perversionen [Auszug]

Die alltägliche Erfahrung hat gezeigt, daß die meisten dieser Überschreitungen, wenigstens die minder argen unter ihnen, einen selten fehlenden Bestandteil des Sexuallebens der Gesunden bilden und von ihnen wie andere Intimitäten auch beurteilt werden.

Gerade auf dem Gebiete des Sexuallebens stößt man auf besondere, eigentlich derzeit unlösbare Schwierigkeiten, wenn man eine scharfe Grenze zwischen bloßer Variation innerhalb der physiologischen Breite und krankhaften Symptomen ziehen will.

Vielleicht gerade bei den abscheulichsten Perversionen muß man die ausgiebigste psychische Beteiligung zur Umwandlung des Sexualtriebes anerkennen. Es ist hier ein Stück seelischer Arbeit geleistet, dem man trotz seines greulichen Erfolges den Wert einer Idealisierung des Triebes nicht absprechen kann. Die Allgewalt der Liebe zeigt sich vielleicht nirgends stärker als in diesen ihren Verirrungen. Das Höchste und das Niedrigste hängen in der Sexualität überall am innigsten aneinander (»vom Himmel durch die Welt zur Hölle«).

Freud, Sigmund (1905d): Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. GW V: 59, 60, 61

 

#29 Zum Verhältnis von Psychoanalyse und Sexualwissenschaft [Auszug]

Die Psychoanalyse ist so kostbar, weil sie die einzelnen Allgemeinen als Individuen ernst nimmt und zu verstehen sucht. Sie ist bis heute mehrheitlich am Individuellen orientiert. Sie will nicht wahrhaben, dass die Struktur, die Episteme, die diskursive Formation oder die Imperative und Objektive dem Dividuum vorschreibt, was es wie zu praktizieren habe.

Sigusch, Volkmar (1905d): Sexualitäten. Eine kritische Theorie in 99 Fragmenten. New York: Campus: 134

 

Wo sie lieben, begehren sie nicht, und wo sie begehren, können sie nicht lieben.

Freud, Sigmund (1912d): Über die allgemeinste Erniedrigung des Liebeslebens (Beiträge zur Psychologie des Liebeslebens II). GW VIII: 82f

Anmerkung: Freud bezieht sich hier auf "junge Menschen, deren "ganze Sinnlichkeit (…) im Unbewußten an inzestuöse Objekte gebunden oder, wie wir auch sagen können, an unbewußte inzestuöse Phantasien fixiert wird. Das Ergebnis ist dann eine absolute Impotenz, die etwa noch durch die gleichzeitig erworbene wirkliche Schwächung der den Sexualakt ausführenden Organe versichert wird. (…) Das Liebesleben solcher Menschen bleibt in die zwei Richtungen gespalten, die von der Kunst als himmlische und irdische (oder tierische) Liebe personifiziert werden. (...) Sie suchen nach Objekten, die sie nicht zu lieben brauchen, um ihre Sinnlichkeit von ihren geliebten Objekten fernzuhalten, und das sonderbare Versagen der psychischen Impotenz tritt nach den Gesetzen der »Komplexempfindlichkeit« und der »Rückkehr des Verdrängten« dann auf, wenn an dem zur Vermeidung des Inzests gewählten Objekt ein oft unscheinbarer Zug an das zu vermeidende Objekt erinnert."

 

Sigmund Freud
(1856-1939)

Zurückhaltung, wir taugen zu keiner Art von offiziellem Dasein, brauchen unsere Unabhängigkeit nach allen Seiten. Vielleicht haben auch wir Grund zu sagen: Gott schütze uns vor unseren Freunden. Mit den Feinden sind wir ja bisher fertig geworden. Auch gibt es ein Nachher, in dem wir wiederum Platz finden müssen. Wir sind und bleiben tendenzlos bis auf das eine: zu erforschen und zu helfen.

Freud, S. & Ferenczi, S. (1917-1919): Briefwechsel. Band II/2. (hg. von Ernst Falzeder & Eva Brabant). Wien: Böhlau: 229 (Brief 808 F, Wien, 20.4.1919)


 

Karl Valentin (1882-1948)

www.karl-valentin.de

Anmerkung: Es handelt sich um die offizielle Seite der Familie und Erben von Karl Valentin; Zitate dürfen noch bis 2018 (Urheberrecht: 70 Jahre nach dem Tod des Künstlers) nur mit Genehmigung im Internet verwendet werden - es sei denn, es handelt sich um Zitate in einem Text oder um Internetseiten ohne gewerblichen Zweck
(das ist hier der Fall!)

 

Es ist schon alles gesagt, nur noch nicht von allen.


Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit


Gut, dass Hitler nicht Kräuter heißt, sonst müsste man ihn mit »Heil Kräuter« grüßen.


Gar nicht krank ist auch nicht gesund.


Fremd ist der Fremde nur in der Fremde.


Die Zukunft war früher auch besser!


Mögen hätt' ich schon wollen, aber dürfen hab ich mich nicht getraut!

Karl Valentin: Mögen hätt ich schon wollen, aber dürfen hab ich mich nicht getraut! Das Beste aus seinem Werk (hrsg. von Helmut Bachmaier),
München: Piper, 1996 (Serie Piper; Band 1162)

Karl Valentin (1882-1948)


 

Die Geschichte der Wissenschaften zeigt uns bei allem, was für dieselben geschieht, gewisse Epochen, die bald schneller, bald langsamer auf einander folgen. Eine bedeutende Ansicht, neu oder erneut, wird ausgesprochen; sie wird anerkannt, früher oder später; es finden sich Mitarbeiter; das Resultat geht in die Schüler über; es wird gelehrt und fortgepflanzt, und wir bemerken leider, daß es gar nicht darauf ankommt, ob die Ansicht wahr oder falsch sei: beides macht denselben Gang, beides wird zuletzt eine Phrase; beides prägt sich als todtes Wort dem Gedächtniß ein.

von Goethe, Johann Wolfgang (1833): Goethe's Werke.  Stuttgart: J. G. Cotta'sche Buchhandlung. Band 50: 65
(online: Johann Wolfgang von Goethe - Google Books)


Kafka, Franz (1916): Die Acht Oktavhefte
(Eintrag v. 24.11.1917)
http://gutenberg.spiegel.de

Ich kenne den Inhalt nicht,

ich habe den Schlüssel nicht,

ich glaube Gerüchten nicht,

alles verständlich,

denn ich bin es selbst.


"Männer und Frauen stehen so zu Beziehungen, wie sie auch zum Orgasmus stehen, nur umgekehrt (…), Frauen sehnen sich so nach Beziehungen, wie Männer sich nach einem Orgasmus sehnen. Ihr ganzes Wesen beugt sich diesem Imperativ. Umgekehrt wollen Männer Beziehungen so wie Frauen einen Orgasmus: manchmal, unter den richtigen Umständen."

Waldman, Adelle (2013): Das Liebesleben des Nathaniel P. O.O.: Verlagsbuchhandlung Liebeskind: 268

 


Die unbewusste Verkleidung physiologischer Bedürfnisse unter die Mäntel des Objektiven, Ideellen, Rein-Geistigen geht bis zum Erschrecken weit, — und oft genug habe ich mich gefragt, ob nicht, im Grossen gerechnet, Philosophie bisher überhaupt nur eine Auslegung des Leibes und ein Missverständniss des Leibes gewesen ist. Hinter den höchsten Werthurtheilen, von denen bisher die Geschichte des Gedankens geleitet wurde, liegen Missverständnisse der leiblichen Beschaffenheit verborgen, sei es von Einzelnen, sei es von Ständen oder ganzen Rassen.

Nietzsche, Friedrich (1844-1900): Die Fröhliche Wissenschaft - Vorrede zur zweiten Ausgabe (1887): 2.
www.nietzschesource.org Ort:  #eKGWB/FW

 

Vierter Satz. — Die Predigt der Keuschheit ist eine öffentliche Aufreizung zur Widernatur. Jede Verachtung des geschlechtlichen Lebens, jede Verunreinigung desselben durch den Begriff "unrein" ist die eigentliche Sünde wider den heiligen Geist des Lebens.

Nietzsche, Friedrich (1844-1900): Der Antichrist (1888) - Gesetz wider das Christenthum
www.nietzschesource.org Ort:  #eKGWB/AC-Gesetz

 

Hier hat natürlich auch die dem Außenstehenden so auffällige tiefe Ungeschicklichkeit der Deutschen ihren Grund, sich in einem Gespräch über die Frage der Vergangenheit überhaupt zu bewegen. Wie schwer es sein muss, hier einen Weg zu finden, kommt vielleicht am deutlichsten in der gängigen Redensart zum Ausdruck, das Vergangene sei noch unbewältigt, man müsse erst einmal daran gehen, die Vergangenheit zu bewältigen. Dies kann man wahrscheinlich mit keiner Vergangenheit, sicher aber nicht mit dieser. Das höchste, was man erreichen kann, ist zu wissen und auszuhalten, dass es so und nicht anders gewesen ist, und dann zu sehen und abzuwarten, was sich daraus ergibt.

Arend, Hannah (1959): Rede am 28. September 1959 bei der Entgegennahme des Hamburger Lessing-Preises, zitiert in: diestandard, 11.Oktober 2006, www.diestandard.at

Hannah (Johanna) Arend (1906 -1975)

Jüdisch  deutsch-amerikanische politische Theoretikerin und
Publizistin


Emmanuel Lévinas, (1905/6 - 1995), französisch-litauischer Philosoph

Das Gesicht des Seins, das sich im Krieg zeigt, konkretisiert sich im Begriff der Totalität.

Lévinas, Emmanuel (1980/1987): Totalität und Unendlichkeit: 20


Der Katholizismus ist der große Zerstörer der Kinderseele, der große Angsteinjager, der große Charaktervernichter des Kindes. Das ist die Wahrheit. Millionen und schließlich Milliarden verdanken der katholischen Kirche, daß sie von Grund auf zerstört und ruiniert worden sind für die Welt, daß aus ihrer Natur eine Unnatur gemacht worden ist.

Bernhard, Thomas (1986): Auslöschung. Ein Zerfall.
In: Werke in 22 Bänden (hrsg. v. M. Huber & W. Schmidt-Dengler).
Band 9 Auslöschung (hrsg. v. H. Höller) Frankfurt/M.: Suhrkamp 2009: 111

Thomas Bernhard
(eigentl. Niclaas Thomas)

(1931 - 1989)

Österreichischer Schriftsteller


 

 

 

 

Nicht was wir gelebt haben, ist das Leben, sondern das, was wir erinnern und wie wir es erinnern, um davon zu erzählen.

Marquez, Gabriel Garcia (2002): Leben, um davon zu erzählen. München: Kiepenheuer & Witsch: 7 (Die Widmung ist dem Text vorangestellt)


Helmut Schmidt

(23.12.1918 - 10.11.2015)

SPD-Politiker, Bundeskanzler a. D.,
Publizist

ZEIT: Jetzt sind Sie schon fast 25 Jahre lang bei der ZEIT. Sind Sie inzwischen wenigstens ein bisschen Journalist?

Schmidt: Ich fürchte nicht, und wissen Sie, warum?

ZEIT: Mir schwant nichts Nettes.

Schmidt: Weil ich es mir einfach nicht abgewöhnen kann, gründlich zu arbeiten!" (lacht)

Die ZEIT: Unter Wegelagerern. Vom Journalismus und der Gewohnheit, gründlich zu arbeiten (Giovanni di Lorenzo im Gespräch mit Helmut Schmidt). ZEIT EXTRA:  23.12.1918 - 10.11.2015. Der Abschied. Eine Sonderausgabe zum Tod von Helmut Schmidt. Ausgabe Nr. 01 v. 11.11.2015: 26; online unter: www.zeit.de
Das Interview erschien zuerst im ZEITmagazin 44 v. 25.10.2007: 62


Hast du Geld, musst du dich nicht beugen!

Brecht, Bertolt (1926): Vom Geld. In: Werke Band 4: Gedichte 2 (1913-1956).
Frankfurt/M.: Suhrkamp 2005: 105f (hier: 106)

 

Schwächen

Du hattest keine

Ich hatte eine:

Ich liebte

Brecht, Bertolt (1950): Werke Band 4: Gedichte 2 (1913-1956).
Frankfurt/M.: Suhrkamp 2005: 403f

 

 

DER TAG, AN DEM DAS    VERSCHWAND

Am Tag, an dem das     verschwand,

da war die uft vo Kagen.

Den Dichtern, ach, verschug es gatt

ihr Singen und ihr Sagen.

Nun gut. Sie haben sich gefaßt.

Man sieht sie wieder schreiben.

Jedoch:

Soang das     nicht wiederkehrt,

muß aes Fickwerk beiben.

Gernhardt, R. (1994): Gesammelte Gedichte 1954-2006. Frankfurt/M.: Fischer 4. Aufl. 2014: 165; online: booksgoogle.de


Was ihr den Geist der Zeiten heißt,

Das ist im Grund der Herren eigner Geist,

In dem die Zeiten sich bespiegeln.

von Goethe, Johann Wolfgang (1808): Faust. Eine Tragödie von Goethe. Der Tragödie erster Teil. Tübingen: J. G. Cotta: 45, Vers 577-579

Online: Faust - Der Tragödie erster Teil – Wikisource

 

Jean-Paul Sartre (1905-1980), französischer Romancier,
Dramatiker und Publizist,
seit seinem 25. Lebensjahr
mit Simone de Beauvoir liiert

Nous ne voulons rien manquer de notre temps peut-être en est-il de plus beaux, mais c'est le nôtre; nous n'avons que cette vie à vivre, au milieu de cette guerre, de cette révolution peut-être.

Wir wollen nichts von unserer Zeit verpassen: vielleicht gibt es Schönere, aber diese ist unsere; wir haben nichts als dieses Leben zu leben, inmitten dieses Krieges, vielleicht dieser Revolution. (Übersetzung des Verfassers)

Sartre, Jean-Paul (1945): Présentation des Temps Modernes. In: LES TEMPS MODERNES, n° 1, Paris, octobre 1945


 

Das Verstehen erzeugt Tiefe, nicht Sinn.

Arendt, Hannah (2002): Denktagebuch (hrsg. von U. Ludz & I. Nordmann), 2 Bände. München: Piper: 332


 

Wir kamen dann wieder auf das Kriegsthema, und  ich sagte, daß ich glaubte, im Gegensatz zu seiner Einstellung sei das einfache Volk nicht sehr dankbar für Führer, die ihm Krieg und Zerstörungen bescheren.

»Nun, natürlich, das Volk will keinen Krieg«, sagte Göring achselzuckend. »Warum sollte irgendein armer Landarbeiter im Krieg sein Leben aufs Spiel setzen wollen, wenn das Beste ist, was er dabei herausholen kann, daß er mit heilen Knochen zurückkommt. Natürlich, das einfache Volk will keinen Krieg; weder in Rußland, noch in England, noch in Amerika, und ebenso wenig in Deutschland. Das ist klar. Aber schließlich sind es die Führer eines Landes, die die Politik bestimmen, und es ist immer leicht, das Volk zum Mitmachen zu bringen, ob es sich nun um eine Demokratie, eine faschistische Diktatur, um ein Parlament oder eine kommunistische Diktatur handelt.«

»Nur mit einem  Unterschied«, entgegnete ich. »In einer Demokratie hat das Volk durch seine gewählten Volksvertreter ein Wort mitzureden, und in den Vereinigten Staaten kann nur der Kongreß einen Krieg erklären.«

»Oh, das ist alles gut und schön, aber das Volk kann mit oder ohne Stimmrecht immer dazu gebracht werden, den Befehlen der Führer zu folgen. Das ist ganz einfach. Man braucht nichts zu tun, als dem Volk zu sagen, es würde angegriffen, und den Pazifisten ihren Mangel an Patriotismus vorzuwerfen und zu behaupten, sie brächten das Land in Gefahr. Diese Methode funktioniert in jedem Land.«

Gilbert, G. M. (im Gespräch mit Hermann Göring, April 1945): Nürnberger Tagebuch. Gespräche der Angeklagten mit dem Gerichtspsychologen. Frankfurt/M.: Fischer 1962: 270


 

Wenn der Schlaf der Höhepunkt der körperlichen Entspannung ist, so die Langeweile der geistigen. Die Langeweile ist der Traumvogel, der das Ei der Erfahrung ausbrütet. Das Rascheln im Blätterwalde vertreibt ihn.

Benjamin, W. (1936): Der Erzähler. Betrachtungen zum Werk Nikolai Lesskows. In: Gesammelte Schriften. Werkausgabe Edition Suhrkamp (hrsg. v. R. Tiedemann & H Schweppenhäuser), Band 5. Frankfurt/M.: Suhrkamp 1980: 438-465 (hier: 446)


 

Daß es so etwas gibt wie ein Recht, Rechte zu haben (und das heißt: in einem Beziehungssystem zu leben, wo man nach seinen Handlungen und Meinungen beurteilt wird), oder ein Recht, einer politisch organisierten Gemeinschaft zuzugehören – das wissen wir erst, seitdem Millionen von Menschen auftauchten, die solche Rechte verloren hatten und sie zufolge der neuen globalen politischen Situation nicht wiedergewinnen.

Arendt, Hannah (1949): Es gibt nur ein einziges Menschenrecht. Die Wandlung, 4. Jg., Herbstheft 1949 (Dezember 1949), 754-770; Zitat: 760. Internet: www.hannaharendt.net Zeitschrift für politisches Denken, Band 5, Nr. 1 (2009): unter "Documents"


Croyez ceux qui cherchent la vérité,doutez de ceux qui la trouvent;
doutez de tout, mais ne doutez pas de vous-même.

Glaubt denjenigen, die die Wahrheit suchen, zweifelt an denjenigen, die sie gefunden haben; zweifelt an allem, aber zweifelt nicht an euch selbst (Übers. JT).

Gide, André (1952): Ainsi soit-il ou les Jeux sont faits. Paris: Gallimard (1952): 174

Gide, André, Paul Guillaume

(1869 - 1951)

Französischer Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger 1947


12 bzw. 28 Jahre nach Samjatins Sciens Fiction Roman "Wir" erschienen die bekannteren Romane  von Aldous Huxley - Brave New World und George Orwell - 1984. Samjatin schildert die Geschichte von D-503, dem Konstrukteur des Raumschiffs INTEGRAL. Er berichtet vom Leben in der gläsernen Stadt im "Einzigen Staat", der das Leben der BewohnerInnen mit Ausnahme zweier freier Stunden pro Tag bis in das kleinste Detail regelt, auch die "Geschlechttage" sind strikt vorgegeben. Durch die Begegnung mit einer Rebellin beginnt sich D-503 zu verändern, er entwickelt eine Seele und schließt sich der Bewegung an. Das Staatsoberhaupt, der "Wohltäter" schlägt hart zurück und es kommt zum offenen Kampf.

Ich fühlte mich. Alle jene, die sich fühlen, sind sich ihrer Individualität bewußt. Doch nur das entzündete Auge, der verletzte Finger, der kranke Zahn machen sich bemerkbar, das gesunde Auge, der gesunde Finger, der gesunde Zahn scheinen nicht vorhanden zu sein. Man ist also bestimmt krank, wenn man sich der eigenen Persönlichkeit bewußt wird.

Samjatin, Jewgnij (1920): Wir. München: Heyne 1975: 87


 

Die statistische Methode vermittelt zwar die ideale Durchschnittlichkeit eines Sachverhalts, nicht aber ein Bild von dessen empirischer Wirklichkeit. Sie gibt zwar einen unanfechtbaren Aspekt der Wirklichkeit, kann aber die tatsächliche Wahrheit bis zur Irreführung verfälschen. Letzteres gilt in besonderem Maße von der auf Statistik gegründete Theorie. Die wirklichen Tatsachen zeichnen sich durch ihre Individualität aus; überspitzt ausgedrückt, könnte man sagen, daß das wirkliche Bild sozusagen auf lauter Ausnahmen von der Regel beruhe und mithin die absolute Wirklichkeit den vorherrschenden Charakter der Irregularität habe.

Jung, Carl Gustav (1957): Gegenwart und Zukunft. GW 10 Zivilisation im Übergang. Olten: Walter-Verlag 1974, 2. Auflage 1981: 275-336 (hier: 278, § 494)


[...] there is nothing so practical as a good theory.

Es gibt nichts Praktischeres als eine gute Theorie (Übers. JT).

Lewin, Kurt (1951): Problems of Research in Social Psychology. In: D. Cartwright (Hrsg.): Field Theory in Social Science. Selected Theoretical Papers.
New York: Harper & Row,169

Kurt Lewin (1890-1947)
deutsch-amerikanischer Psychologe


Edmund Josef von Horváth

(1901-1938)
Österreichisch-ungarischer Schriftsteller

Ich bin nämlich eigentlich ganz anders, aber ich komme nur so selten dazu.

Horváth, Ödön (1926): Zur schönen Aussicht. Gesammelte Werke, Frankfurt/M.: Suhrkamp, 2. Aufl. 1978, Band 3: 67

Anmerkung: Es handelt sich um ein 1926 entstandenes Theaterstück; das Zitat spricht Ada Freifrau von Stetten


Heinrich Heine

(1797-1856)
Deutscher Dichter, Schriftsteller
und Journalist

Der große Narr ist ein sehr großer Narr, riesengroß, und er nennt sich
deutsches Volk.

Heine, H. (1832): Französische Zustände I (Vorrede). In: Heinrich Heine's Sämmtliche Werke. Neue Ausgabe in 12 Bänden. 9. Band. Hamburg: Hoffmann & Campe 1887: 18; googlebooks


Rafik Schami

(das Pseudonym bedeutet:
Freund aus Damaskus;
eigentlich:

Suheil Fadél (*1946)

 Promovierter Chemiker,
syrisch-deutscher Schriftsteller,
lebt seit 1971 in Deutschland

(...) Gleichzeitig bin ich in Deutschland ernst geworden

Was hat Sie so ernst gemacht?

Das liegt an der Gesellschaft hier, in der alles Schlag auf Schlag läuft. Das Beschäftigtsein zwingt zur Ernsthaftigkeit und nimmt den Deutschen ihre Leichtigkeit. (...) Weil wir hier trotz unseres Wohlstands sehr bekümmert leben. Gleichzeitig habe ich in Deutschland Dinge in mit entdeckt, die lange unterdrückt waren, und die sich erst hier entfalten konnten. Dass ich mich nicht mehr umsehen muss, wenn ich offen auf der Straße rede - diese Freiheit hat mich geprägt.

Schami, R. (2016): Rafik Schami über Gastfreundschaft. Interview mit Julia Rothhaas. Süddeutsche Zeitung  Ausgabe Samstag/Sonntag, 19./20. März 2016, Nr. 66: 58.


Ärzte

Wissen möchtet ihr gern die geheime Struktur des Gebäudes,

Und ihr wählt den Moment, wenn es in Flammen gerät.

Was ist das Schwerste von allem? Was dir das Leichteste dünken,

Mit den Augen zu sehn, was vor den Augen dir liegt.

Schiller, Friedrich (1796): Xenien und Votivtafeln aus dem Nachlaß. In: J. W. v. Goethe:
Berliner Ausgabe. Poetische Werke [Band 1–16],
Band 2, Berlin: Aufbau Verlag 1960 ff: 495

online: www.zeno.org

 

Albrecht Ludolf von Krehl

(1861-1937)
Deutscher Mediziner

Krankheiten als solche gibt es nicht, wir kennen nur kranke Menschen. Wenn wir die Krankheiten des Menschen erforschen, so beschreiben wir den Ablauf eines Lebensvorganges am einzelnen Menschen, d. h. wir beschreiben die Beschaffenheit des Menschen, an dem, die Bedingungen, unter denen, und die Art und Weise, wie jener Vorgang abläuft. Damit ist schon gesagt, daß für uns nicht der Mensch als solcher (auch den gibt es nicht), sondern der einzelne kranke Mensch, die einzelne Persönlichkeit in Betracht kommt. (...)

Diese einzelnen kranken Menschen sind untereinander nicht gleich.

Krehl L. (1930): Entstehung, Erkennung und Behandlung innerer Krankheiten, I. Band: Die Entstehung innerer Krankheiten: Pathologische Physiologie. Leipzig: Vogel (13. Aufl.): 24

online: books.google.de


Dr. Martin Luther

(1483-1546)
Augustinermönch, deutscher Theologe, Professor der Theologie
und Begründer der Reformation

Was wollen wir Christen nun anfangen mit diesem verworfenen und verdammten Volk der Juden? (...)

Wir müssen mit Gebet und Gottesfurcht eine gnadenlose Barmherzigkeit üben, damit wir doch etliche von ihnen aus den Flammen und der Glut erretten können. Rächen dürfen wir uns nicht, sie haben die Rache von selbst am Hals, tausendmal schlimmer als wir es ihnen wünschen mögen. Ich will meinen wohlgemeinten Rat geben:

Erstens, dass man ihre Synagogen oder Schulen anzünde und was nicht verbrennen will, mit Erde überhäufe und überschütte, sodass kein Mensch für alle Zeiten weder Stein noch Schlacke davon sehe. (...)

Zweitens soll man auch ihre Häuser abbrechen und zerstören, denn sie treiben darin genau das gleiche, wie in ihren Synagogen. Stattdessen mag man sie etwa unter ein Dach oder in einen Stall tun, wie die Zigeuner, damit sie wissen, dass sie nicht Herren in unserem Land sind, wie sie sich derzeit rühmen, (...).

Zum dritten möge man ihnen alle ihre Gebetbüchlein und Talmude nehmen, in denen solcher Götzendienst, Lügen, Fluch und Lästerung gelehrt wird.

Zum vierten soll man ihren Rabbinern bei Leib und Leben verbieten, weiterhin zu lehren. (...)

Zum fünften soll man den Juden das freie Geleit auf den Straßen ganz und gar verwehren und verbieten. Denn sie haben nichts im Land zu suchen, weil sie weder Herren, noch Amtsleute, noch Händler oder dergleichen sind. Sie sollen daheimbleiben. (...)

Zum sechsten soll man ihnen wuchern verbieten, was ihnen schon Mose verboten hatte. Da sie nicht in ihrem eigenen Land sind, können sie nicht Herren über ein fremdes sein. Und man nehme ihnen alle Barschaft und Wertsachen wie Silber und Gold und lege es zur Verwahrung beiseite.

Luther, Martin (1543): Von den Juden und ihren Lügen (Von den Jüden und iren Lügen). Wittenberg: Hans Lufft; übertragen aus dem Frühneuhochdeutschen v. K.-H. Büchner et al. (Hrsg.): Luthers judenfeindliche Schriften, Band 1. Aschaffenburg: Alibri Verlag 2016: 247ff


 

Wenn ich mer ein Juden tauff, so will ich in auf die Elbpruckh furen, ain stain an hals hengen und hinab stossen et dicere: Ego te baptiso in nomine Abraham, quia non servant fidem.

[Wenn ich einen Juden taufe, will ich ihn an die Elbbrücken führen, einen Stein um den Hals hängen, ihn hinabstoßen und sagen: Ich taufe dich im Namen Abrahams.]

Luther, Martin (1532): Tischrede Nr. 1795. In: D. Martin Luthers Werke. Kritische Gesamtausgabe. Tischreden 1531-1546. 2. Band. Tischreden aus den dreißiger Jahren. Weimar: Hermann Böhlaus Nachfolger 1913, S. 217 (Nr. 1795); online:
 http://archive.org/stream/werketischreden10202luthuoft#page/216/mode/2up

Die Übersetzung ist hier u.a. zu finden:

Luther, Martin (1543): Von den Juden und ihren Lügen (Von den Jüden und iren Lügen). Wittenberg: Hans Lufft; übertragen aus dem Frühneuhochdeutschen v. K.-H. Büchner et al. (Hrsg.): Luthers judenfeindliche Schriften, Band 1. Aschaffenburg: Alibri Verlag 2016: 2


Unbekannt

Some days, I feel everything at once. Other days, I feel nothing at all. I don’t know what’s worse: drowning beneath the waves or dying from the thirst.


Schlußstück

Der Tod ist groß.

Wir sind die Seinen

lachenden Munds.

Wenn wir uns mitten im Leben meinen,

wagt er zu weinen

mitten in uns.

Rilke, Rainer Maria (1902)

online: www.lyrik123.de/rainer-maria-rilke-schlussstueck-9933

Rainer Maria Rilke (1875 - 1926),
eigentlich René Karl Wilhelm Johann Josef Maria Rilke, österreichischer Erzähler und Lyriker


Das Wiedersehen

Ein Mann, der Herrn K. lange nicht gesehen hatte, begrüßte ihn mit den Worten: »Sie haben sich gar nicht verändert.«

»Oh!« sagte Herr K. und erbleichte.

Brecht, Bertolt (1950): Geschichten vom Herrn Keuner. Werke Band 5: Prosa.
Frankfurt/M.: Suhrkamp 2005: 216-231 (hier: 231)

Bertolt Brecht oder

Bert Brecht (1898-1956),

eigentlich Eugen Berthold Friedrich Brecht,
deutscher Dramatiker und Lyriker, Begründer des epischen bzw. dialektischen Theaters


Mühsal der Besten

»Woran arbeiten Sie?« wurde Herr K. gefragt. Herr K. antwortete: »Ich habe viel Mühe, ich bereite meinen nächsten Irrtum vor.«

Brecht, Bertolt (1950): Geschichten vom Herrn Keuner. Werke Band 5: Prosa.
Frankfurt/M.: Suhrkamp 2005: 216-231 (hier: 231)

 

 

Maßnahmen gegen die Gewalt

Als Herr Keuner, der Denkende, sich in einem Saale vor vielen gegen die Gewalt aussprach, merkte er, wie die Leute vor ihm zurückwichen und weggingen. Er blickte sich um und sah hinter sich stehen – die Gewalt.

»Was sagtest du?« fragte ihn die Gewalt.

»Ich sprach mich für die Gewalt aus«, antwortete Herr Keuner.

Als Herr Keuner weggegangen war, fragten ihn seine Schüler nach seinem Rückgrat. Herr Keuner antwortete: »Ich habe kein Rückgrat zum Zerschlagen. Gerade ich muß länger leben als die Gewalt.«

Und Herr Keuner erzählte folgende Geschichte:

In die Wohnung des Herrn Egge, der gelernt hatte, nein zu sagen, kam eines Tages in der Zeit der Illegalität ein Agent, der zeigte einen Schein vor, welcher ausgestellt war im Namen derer, die die Stadt beherrschten, und auf dem stand, daß ihm gehören solle jede Wohnung, in die er seinen Fuß setzte; ebenso sollte ihm auch jedes Essen gehören, das er verlange; ebenso sollte ihm auch jeder Mann dienen, den er sähe.

Der Agent setzte sich in einen Stuhl, verlangte Essen, wusch sich, legte sich nieder und fragte mit dem Gesicht zur Wand vor dem Einschlafen: »Wirst du mir dienen?«

Herr Egge deckte ihn mit einer Decke zu, vertrieb die Fliegen, bewachte seinen Schlaf, und wie an diesem Tage gehorchte er ihm sieben Jahre lang. Aber was immer er für ihn tat, eines zu tun hütete er sich wohl: das war, ein Wort zu sagen. Als nun die sieben Jahre herum waren und der Agent dick geworden war vom vielen Essen, Schlafen und Befehlen, starb der Agent. Da wickelte ihn Herr Egge in die verdorbene Decke, schleifte ihn aus dem Haus, wusch das Lager, tünchte die Wände, atmete auf und antwortete: »Nein«

Brecht, Bertolt (1930): Geschichten vom Herrn Keuner. Text und Kommentar. Berlin: Suhrkamp 2012: 12


 

Rainer Maria Rilke (1875 - 1926),
eigentlich René Karl Wilhelm Johann Josef Maria Rilke,
österreichischer Erzähler und Lyriker

 

Der Panther

Im Jardin des Plantes, Paris

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe

so müd geworden, daß er nichts mehr hält.

Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe

und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,

der sich im allerkleinsten Kreise dreht,

ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,

in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille

sich lautlos auf –. Dann geht ein Bild hinein,

geht durch der Glieder angespannte Stille –

und hört im Herzen auf zu sein.

Rilke, Rainer Maria (1902/3) Sämtliche Werke. Herausgegeben vom Rilke-Archiv in Verbindung mit R. Sieber-Rilke, besorgt von E. Zinn, Band 1–6, Wiesbaden und Frankfurt/M.: Insel, 1955–1966: 505

online: www.zeno.org/nid/20005534046


 

Denn das Schöne ist nichts

als des Schrecklichen Anfang, den wir noch grade ertragen.,

und wir bewundern es so, weil es gelassen verschmäht,

uns zu zerstören. Ein jeder Engel ist schrecklich.

Und so verhalt ich mich denn und verschlucke den Lockruf

dunkelen Schluchzens. Ach, wen vermögen

wir denn zu brauchen? Engel nicht, Menschen nicht,

und die findigen Tiere merken es schon,

daß wir nicht sehr verläßlich zu Haus sind

in der gedeuteten Welt.

Rilke, Rainer Maria (1923): Duineser Elegien (Auszug aus: Die erste Elegie). Sämtliche Werke, Band 1,  Frankfurt/.: Insel-Verlag 1955; online: http://gutenberg.spiegel.de/buch/duineser-elegien-829/1


 

Und Schlag auf Schlag!

Werd ich zum Augenblicke sagen:

Verweile doch! du bist so schön!

Dann magst du mich in Fesseln schlagen

von Goethe, Johann Wolfgang (1808): Faust. Eine Tragödie von Goethe. Der Tragödie erster Teil. Tübingen: J. G. Cotta: 106,  Vers 1699-1702

online:  Faust - Der Tragödie erster Teil – Wikisource


James Rhodes (Jahrgang 1975) beschreibt in seinem Buch sehr drastisch seinen sexuellen Mißbrauch als Kind in der Grundschule und sein Überleben mit Unterstützung der (klassischen) Musik; er tritt bis heute als Pianist auf. Das Zitat (Titel seiner zweiten CD) stammt nach seinen Angaben von Glenn Gould (Quelle rechts: 232); näheres dazu unter Skurriles

Now Would All Freudians Please Stand Aside.

Rhodes, James (2014): Instrumental. A Memoir of Madness, Medication and Music. Edinburgh: Canongate Books. Deutsch: Der Klang der Wut. Wie die Musik mich am Leben hielt. München: Nagel & Kimche: 232

Rhodes, James (2010): now would all freudians please stand aside. Signum Classics: CD mit Werken von Bach, Bach/Busoni, Bach/Marcello, Beethoven und Chopin


Ich entdeckte, daß es in der Intimität, der Einsamkeit und - alle Freudianer mögen weghören - in der gebärmutterähnlichen Geborgenheit des Studios möglich war, auf eine viel direktere, persönlichere Weise Musik zu machen als in jedem Konzertsaal.

Gould, Glenn (Jahr unbekannt* ) zit. nach Bachmann, P. & S. Zweifel, S. (1990): Glenn Gould. Chronik von Leben und Werk. In: du (Thema: Mythos Glenn Gould. Die Wahrheit und andere Lügen), Heft Nr. 4, April 1990: 76

* vermutlich nach 1964, dem Jahr, in dem er sein letztes öffentliches Konzert gab. (10.04.64, Los Angeles)

Glenn Gould (1932-1982)
amerikanischer Pianist


Dieser wichtige - wenn auch tendenziell idealisierende Satz - bezieht sich auf das von Freud entwickelte "klassische Milieu"; das beschriebene Benehmen des Analytikers (bzw. Freuds) hat aus der Sicht Winnicotts die Entwicklung der psychoanalytischen Technik überhaupt erst möglich gemacht.

Leider wird Winnicotts Satz getrübt - seit bekannt wurde, daß er (als sein ehemaliger Lehranalytiker) Masud R. Khan Patientinnen überwies, im Wissen darum, daß Khan zu Übergriffen neigte! (vgl. Sandler A.-M. (2003): Reaktionen der psychoanalytischen Institutionen auf Grenzverletzungen – Masud Khan und Winnicott. In: Zwettler-Otte S (Hrsg) Entgleisungen in der Psychoanalyse. Vandenhoeck & Ruprecht 2007, Göttingen, S 93–119)

Ich habe mich selbst auch bereits zu diesem Fall geäußert: Thorwart, J. (2015): Zur Prävention von Grenzverletzungen in der psychoanalytischen Ausbildung. Forum der Psychoanalyse 31: 35-51

Man könnte noch viel mehr sagen, aber das Ganze läuft letzten Endes darauf hinaus, daß der Analytiker sich gut benimmt, und das ohne allzuviel Aufwand, einfach deshalb, weil er ein relativ reifer Mensch ist.

Winnicott, Donald C. (1958).: Von der Kinderheilkunde zur Psychoanalyse. München: Kindler 1976: 190


 

Eine dritte und letzte Bitte an den Leser muß an dieser Stelle noch ausgesprochen werden, soll die Methode der Aufklärung nicht Unheil bringen: Wenn Sie über sich und andere zu einem besseren Verständnis zu kommen trachen, betreiben Sie Ihre Bemühungen nicht mit der Absicht der Entlarvung, als Spionage.

Freud empfahl dem, der mit seinen Erkenntnissen in der Praxis arbeitet, eine wohlwollende Bereitschaft, die Not des Kranken anzunehmen. Hier in dieser Abhandlung geht es nicht um große schmerzliche Selbstoffenbarungen, sondern um winzige Fragmente, blitzhaftes Aufleuchten verborgener Innenwelt. Wer über den Splittern im Auge des Nächsten die Balken im eigenen vergißt, bleibt auch diesmal blind. Und da die Hellhörigkeit für die Fehlleistungen sich schon recht weit ausgebreitet hat, kann er sicher sein, daß er in die für den lieben Nachbarn gedachte Grube fallen wird.

Rationale Analyse, das Durchschauen eines Prozesses ist in unserer Zivilisation fast zwanghaft mit machtmehrender Ausbeutung dieses Wissens verknüpft. Wenn jetzt auch das vermehrte Wissen um Doppelläufigkeit der menschlichen Verhaltensweisen, um den Spannungszustand zwischen Bewußtem und Unbewußtem in den Strudel der Machtpolitik gerät, welche die Menschen sich untereinander nicht ersparen können, dann ist die Psychoanalyse ihrerseits am unbeabsichtigten anderen Ende ihrer Verwirklichung angelangt. Es wird ertragen werden müssen. Aber man soll nicht leichtfertig dieser Korruption anheimfallen.

Die Psychoanalyse ist aus der spezifischen Not des zeitgenössischen Menschen hervorgegangen. Netze unerhörter neuer Machtansprüche werden über ihn geworfen. Die Not seiner Selbstverborgenheit wächst mit all seinen Fortschritten der Bemächtigung. Man kann dem zynisch gegenüberstehen und mit tiefenpsychologischer Kenntnis auf die Schwächen seiner Mitmenschen zielen. Auch Erkenntnisse haben ihre großen und kleinen Schicksale. Nicht zu vergessen wäre aber, daß die Psychoanalyse eine ärztliche Wissenschaft ist. Nil nocere: niemandem zum Schaden, ist immer das Memento großen Arzttums gewesen. Wer ein Stück teilhat an ärztlichem Wissen, sollte auf den Eid des »nil nocere« schwören. Viele Heilmittel sind Gifte: über die Wirkung entscheidet die Kunst des Wissenden.

Wer mit Wohlwollen dem Autor bis in das zuweilen Absurde seiner Kombinatorik folgt, wird diesmal in der schönsten Lage sein, ihn noch durch die Absurdität, die ihm selbst gelegentlich unterläuft, zu übertrumpfen. Wo immer er dem Possenspiel der unbeabsichtigten Sentenzen, seiner Tücke, die Objekte fehlzuleiten begegnet, mag er fortan Freud dankbar sein für die Winke, wie man über sich selbst lachend, staunend Erkenntnis gewinnen kann – statt einen Fluch auszustoßen.

Alexander Mitscherlich


 

 

 

Friedrich Rückert (1788 - 1866),
Pseudonym: Freimund Raimar, Reimar oder Reimer)
deutscher Dichter, Sprachgelehrter und Übersetzer

 

 

 

 

Das sind die Weisen,

Die durch Irrtum zur Wahrheit reisen.

Die bei dem Irrtum verharren,

Das sind die Narren.

Rückert, Friedrich (1836): Werke (hrsg. v. Georg Ellinger), Band 1 u. 2, Leipzig und Wien: Bibliographisches Institut. Band 2: Gedichte (Pantheon/Fünftes Bruchstück. Zahme Xenien/Vierzeilen: Nr. 12 (Seite 48)

online: www.zeno.org


 

Biermann macht Geschlechtsverkehr mit einer Dame.

Es ist Eva-Maria Hagen.

Danach fragt er sie, ob sie etwas trinken möchte.

Aber die Dame hat Hunger.

Danach ist Ruhe im Objekt.

Bericht eines Stasi-Spitzels zitiert in: Biermann, Wolf (2016): Warte nicht auf bessre Zeiten! Die Autobiographie. Berlin: Ullstein: 288

Robert Gernhardt zitiert in seinem Gedicht "Schamerfüllter Dichter" einen Stasibericht, bei dem es um dieselbe - oder eine zweite (?) - Begegnung geht:

SCHAMERFÜLLTER DICHTER

Daß der Wolf

Daß der Wolf Biermann

Daß der wortgewaltige Wolf Biermann

All sein Lebtag nichts zu Papier gebracht hat

Was sich dem vergleichen ließe, was dieser Spitzel

Was dieser gottverlassne Stasi-Spitzel in jener Nacht

notierte:

"Wolf Biermann führt mit einer Dame

Geschlechtsverkehr durch.

Später erkundigt er sich,

ob sie Hunger hat.

Die Dame erklärt, daß sie gern

einen Konjak trinken würde.

Es ist Eva Hagen.

Danach ist Ruhe im Objekt."

Daß das nicht schlecht sei

Daß das bei Gitt ziemlich gut sei

Daß das verdammt noch mal besser sei als s.o. :

Das denkt er, und schämt sich.

Gernhardt, R. (1994): Gesammelte Gedichte 1954-2006. Frankfurt/M.: Fischer 4. Aufl. 2014: 384; online: booksgoogle.de

Anmerkung: Inzwischen habe ich einen Spiegel-Artikel recherchiert, in welchem Wolf Biermann die zweite Version fast identisch wiedergibt (Wolf Biermann: Tiefer als unter die Haut; online: DER SPIEGEL 5/1992: 185). Das Gedächtnis Biermanns scheint offenbar in der Gegenwart eine kleine Umformung vorgenommen zu haben!


 

Arthur Koestler, (1905-1983), österreichisch-ungarischer Schriftsteller, der ein Kritiker Freuds und der Psychoanalyse war (und im Spiegel-Beitrag auch - polemisch - Bezug auf ihn nimmt) faßt in diesem Spiegel-Beitrag die Thesen seines in Englisch erschienenen Buchs The Brain Explosion zusammen (nach meiner Recherche heißt das Buch: Janus - A Summing Up, 1978; deutsch: Der Mensch, Irrläufer der Evolution. Eine Anatomie der menschlichen Vernunft und Unvernunft, Bern: Scherz 1978)

 

Die tödlichste Waffe des Menschen ist die Sprache.

Koestler, Arthur (1978): Der Mensch - ein Irrläufer der Evolution. Über die Unfähigkeit der Menschheit ihre Probleme zu lösen. In: DER SPIEGEL 5/1978: 166

online: DER SPIEGEL 5/1978: 166


On ne connut que le Pastor fido du Guarini ces scènes attendrissantes, qui font verser des larmes, qu'on retient par coeur malgré soi; et voilà pourquoi nous disons retenir par coeur; car ce qui touche le coeur se grave dans la mémoire.

Man kannte diese rührenden Szenen nur aus Pastor fido von Guarini, die einen Tränen vergießen lassen, die man ohne es zu wollen im Herzen behält; deshalb sprechen wir auch vom Auswendiglernen lernen als "retenir par coeur", etwas mit dem Herzen behalten; denn, was das Herz berührt, gräbt sich in das Gedächtnis ein.  (Übers. JT).

Voltaire (1878): Oeuvres complètes de Voltaire. Band 17, Dictionnaire
philosophique 1: 394

online: Voltaire - Google Books

Voltaire (1694-1778)
eigentlich François-Marie Arouet,
französischer Philosoph und Schriftsteller, Wegbereiter der französischen und europäischen Aufklärung


Before you cross the street

take my hand.

Life is what happens to you while you’re busy making other plans.

Lennon, John (1950): Text aus dem Song "Beautiful Boy"
(aus dem Album “Double Fantasy").
Das Lied ist eine
 Liebeserklärung an seinen zweiten Sohn Sean (mit Yoko Ono).

Auf www.youtube.com ist das Lied "Beautiful boy" zu hören (Textstelle: 2:16).

John Winston Lennon (1940-80)
später John Winston Ono Lennon, Mitglied der Beatles, britischer Musiker, Komponist, Autor, Filmschauspieler und Friedensaktivist. Er wurde am 8. Dezember 1980 von dem psychisch kranken, religiösen Attentäter Mark David Chapman in New York erschossen.


Nikolai Hartmann (1882-1950)
deutscher Philosoph

 

Ethik lehrt nicht direkt, was hier und jetzt geschehen soll in gegebener Sachlage, sondern allgemein, wie dasjenige beschaffen ist, was überhaupt geschehen soll. (...)

Ethik verfährt darin nicht anders als alle Philosophie: sie lehrt nicht fertige Urteile, sondern "Urteilen" selbst. (...)

Der Charakter der "praktischen Philosophie" verliert hier alles Aufdringliche. Sie mischt sich nicht in die Konflikte des Lebens, gibt keine Vorschriften, die auf diese gemünzt wären, ist kein Codex von Geboten und Verboten wie das Recht. Sie wendet sich gerade an das Schöpferische im Menschen (...).

Nicht die Entmündigung und Einspannung des Menschen in ein Schema ist ihr Ziel, sondern seine Erhebung zur vollen Mündigkeit und Verantwortungsfähigkeit.

Hartmann, Nicolai (1926): Ethik. Berlin: de Gruyter: 3f

online: www.books.google.de


George Santayana (1863-1952)
eigentlich Jorge Augustín Nicolás Ruiz de Santayana, amerikanischer Philosoph und
Schriftsteller spanischer Herkunft

Those who cannot remember the past are condemned to repeat it.

Diejenigen, die sich nicht an die Vergangenheit erinnern können, sind dazu verdammt, sie zu wiederholen. (Übers. JT)

Santayana, G. (1832): (1905): The Life of Reason or The Phases of Human Progress. New York: Charles Scribner's Sons: 284. online: https://archive.org


Wer mit dem Wesen der Neurose vertraut ist, wird nicht erstaunt sein zu hören, daß auch derjenige, der sehr wohl befähigt ist, die Psychoanalyse an anderen auszuüben, sich benehmen kann wie ein anderer Sterblicher und die intensivsten Widerstände zu produzieren imstande ist, sobald er selbst zum Objekte der Psychoanalyse gemacht wird. Man bekommt dann wieder einmal den Eindruck der psychischen Tiefendimension und findet nichts Überraschendes daran, daß die Neurose in psychischen Schichten wurzelt, bis zu denen die analytische Bildung nicht hinabgedrungen ist.

Freud, Sigmund (1913c): Zur Einleitung der Behandlung. GW VIII: 458

 


Die Psychoanalyse bemüht sich, unfähige Weichlinge zu lebenstüchtigen Menschen, Instinktgehemmte zu Instinktsicheren, lebensfremde Phantasten zu Menschen, die den Wirklichkeiten ins Auge zu sehen vermögen, ihren Triebimpulsen Ausgelieferte zu solchen, die ihre Triebe zu beherrschen vermögen, liebesunfähige und egoistische Menschen zu liebes- und opferfähigen, am Ganzen des Lebens Uninteressierte zu Dienern des Ganzen umzuformen. Dadurch leistet sie eine hervorragende Erziehungsarbeit und vermag den gerade jetzt neu herausgestellten Linien einer heroischen, realitätszugewandten, aufbauenden Lebensauffassung wertvoll zu dienen.

Müller-Braunschweig, C. (1933): Psychoanalyse und Weltanschauung. Reichswart. Nationalsozialistische Wochenschrift und Organ des Bundes Völkischer Europäer/Organe de L’Alliance Raciste Européenne,
hg. von Graf E. Reventlow. 14. Jg., Nr. 42. Berlin, den 22. Gilbhard (Oktober) 1933. S. 2/3.
Abgedruckt in Psyche 37 (12/1983): 1136-1139 (hier: 1139).

Anmerkung: Wie weit die Verirrungen reichen können (siehe oben bei Freud), dafür ist dieser Textausschnitt
im Duktus der nationalsozialistischen Vernichtungsideologie ein gutes Beispiel. Auch die Psychoanalyse,
 und Müller-Braunschweig war ein prominenter Vertreter (1881- 1958) - ließ sich gleichschalten und wandte
sich aktiv von den KollegInnen jüdischen Glaubens ab und nötigte sie zum Austritt aus der
Fachgesellschaft (DPG).

Müller-Braunschweig meint wohl jene jüdischen KollegInnen, wenn er schreibt:

Leider ist die Psychoanalyse zum Teil dadurch in Mißkredit geraten, daß sie von Personen ausgeübt worden ist, die es nicht für nötig gehalten haben, sich jener umfänglichen Ausbildung und strengen Schulung zu unterziehen, die für eine sachgemäße und gewissenhafte theoretische und praktische Ausübung unbedingte Voraussetzung bildet. (1139)

 


Ich habe meinen Patienten oft erklärt, daß es ideal wäre, wenn Analytiker nur die Rolle eines Führers auf einer schwierigen Bergtour spielen würde, der darauf hinweist, welcher Weg eingeschlagen oder vermieden werden sollte. Um genau zu sein, sollte man hinzufügen, daß der Analytiker ein Führer ist, der sich über den Weg selber nicht allzu sicher ist, weil er zwar Erfahrung im Bergsteigen besitzt, aber diesen speziellen Berg noch nicht erklommen hat.

Horney, K. (1942): Self-Analysis. New York: N. N. Norton. Deutsche Ausgabe: Selbstanalyse. Frankfurt/M.: Fischer Taschenbuch Verlag 1974: 9

Horney, Karen (1885-1952)
Ärztin und Psychoanalytikerin, Vertreterin der Neopsychoanalyse, verließ Deutschland 1932, arbeitete am Psychoanalytischen Instituts in Chicago und gründete 1942 gründete Karen Horney 1942 zusammen mit anderer Analytikern (u. a. Erich Fromm) die „Association for the Advancement of Psychoanalysis“ und später auch ein eigenes (noch heute bestehendes) Institut


Friedrich Wilhelm Joseph von Schelling (1775-1854)
deutscher Philosoph
und einer der Hauptvertreter des deutschen Idealismus

 

Der Mensch bekommt die Bedingung nie in seine Gewalt, ob er gleich im Bösen danach strebt; sie ist eine ihm nur geliehene, von ihm unabhängige; daher sich seine Persönlichkeit und Selbstheit nie zum vollkommenen Aktus erheben kann. Dies ist die allem endlichen Leben anklebende Traurigkeit, und wenn auch in Gott eine wenigstens beziehungsweise unabhängige Bedingung ist, so ist in ihm selber ein Quell der Traurigkeit, die aber nie zur Wirklichkeit kommt, sondern nur zur ewigen Freude der Überwindung dient. Daher der Schleier der Schwermut, der über die ganze Natur ausgebreitet ist, die tiefe unzerstörliche Melancholie alles Lebens. Freude muß Leid haben, Leid in Freude verklärt werden.

(...)

Nur in der Persönlichkeit ist Leben; und alle Persönlichkeit ruht auf einem dunkeln Grunde, der also allerdings auch Grund der Erkenntnis sein muß. Aber nur der Verstand ist es, der das in diesem Grunde verborgene und bloß potentialiter enthaltene herausbildet und zum Aktus erhebt.

Schelling, F.,W., J. (1834): E(1834): Philosophische Untersuchungen über das Wesen der menschlichen Freiheit und die damit zusammenhängenden Gegenstände. In: Friedrich Wilhelm Joseph von Schelling: Werke. Band 3, Leipzig 1907, S. 429ff (Zitate: 495 und 510

online: www.zeno.org


Illusionen empfehlen sich uns dadurch, daß sie Unlustgefühle ersparen und uns an ihrer Statt Befriedigungen genießen lassen. Wir müssen es dann ohne Klage hinnehmen, daß sie irgend einmal mit einem Stücke der Wirklichkeit zusammenstoßen, an dem sie zerschellen.

Freud, S. (1915b): Zeitgemäßes über Krieg und Tod. GW X: 331

 

Der Fahrgast (einleitender Satz)

Ich stehe auf der Plattform des elektrischen Wagens und bin vollständig unsicher in Rücksicht meiner Stellung in dieser Welt, in dieser Stadt, in meiner Familie.

Kafka, F. (1908): Der Fahrgast. In: Hyperion. Eine Zweimonatsschrift.
München: Franz Blei & Carl Sternheim;
siehe auch in:
Erzählungen (Kapitel 13: Betrachtung). Frankfurt/M.: S. Fischer 1984

online: www.gutenberg.spiegel.de

 

Arthur Schnitzler (1862-1931)
österreichischer Mediziner und Schriftsteller

23.

Bereit sein ist viel, warten können ist mehr, doch erst: den rechten Augenblick nützen ist alles.

Schnitzler, A. (1927): Buch der Sprüche und Bedenken. Wien: Phaidon-Verlag: 227


 

Patients who test our patience

Kottler, Jeffrey A. (1986): On being a therapist. San Francisco: Jossey-Bass: 141

online: books.google.de


Wir haben damit eine andere Methode der klinischen Darstellung angewandt, als sie bisher meist herrschte. Wir sind gewohnt, bei der Betrachtung eines Krankheitsbildes möglichst auf eine klare, abgegrenzte, einheitliche Diagnose hinzustreben. Wir erreichen dies, indem wir einzelne dominierende Züge im klinischen Bild als wesentlich herausheben, aus diesen die Bezeichnung für das Ganze schöpfen während wir nun von allem, was übrigbleibt, abstrahieren, es retu­schieren und abdunkeln und als scheinbar und unwesentlich aus unserem Blickfeld hinausschieben. Der Wert dieser Methode für den praktischen Gebrauch soll nicht unterschätzt werden. Wir erreichen dadurch faßliche, darstellbare Krankheitseinheiten, wir ziehen die scharfen Grenzen, die wir haben wollen. Aber wir erreichen sie durch die ätiologische und symptomatische Verstümmelung der lebendigen Bilder. Was wir an Systematik gewinnen, das verlieren wir an Verständnis.

Kretschmer, E. (1919): Über psychogene Wahnbildung bei traumatischer Hirnschwäche.
In: Kretschmer, E. (1974): Psychiatrische Schriften 1914-1962 (bearbeitet
und herausgegeben v. W. Kretschmer). Berlin: Springer, 18-33, Zitat: 32

Online: books.google.de

Ernst Kretschmer (1888 - 1964) deutscher Psychiater, der eine heute eher unwissenschaftlich wirkende Konstitutionstypologie entwarf. Er wurde 1929 für den Nobelpreis (Physiologie oder Medizin) nominiert; seine Geschichte als Ordinarius in Marburg (1926-1946) ist eng mit dem Nationalsozialismus verbunden


 

Meine Ausführungen wollen vor allem dem gegenüber herausstellen, daß jenseits von Gegenübertragung im nur technischen Sinne, sowie jenseits der durch die eigene Lehranalyse erreichten Lösung eigener Problematik jeder Mensch - auch der bestanalysierte Analytiker - Struktureigentümlichkeiten aufweist, die nicht wegzuanalysieren sind, auch wenn jemand noch so »durchanalysiert« wird. Wir haben eine Eigenstruktur, die zu uns gehört, eine »persönliche Gleichung«, einen individuellen »Faktor X«, den wegzuleugnen einer Verdrängung gleichkäme.

Riemann, F. (1964): Die Struktur des Analytikers und ihr Einfluß auf den Behandlungsverlauf. In: F. Riemann (1974): Grundformen helfender Partnerschaft. Stuttgart: Pfeiffer bei Klett-Cotta, 121-145 (hier: 122)


 

14.

Anfangs wollt' ich fast verzagen,

Und ich glaubt', ich trüg' es nie;

Und ich hab' es doch getragen, –

Aber frag[t] mich nur nicht: wie?

Heine, H. (1822): Buch der Lieder, Nr. 14, Sämmtliche Werke. 15. Band: Dichtungen, Erster Theil. Hamburg: Hoffman und Campe 1865 (hier: 61)

Online: books.google.de


Elend.

Land ohne Band, neues Land,

ohne Hauch der Erinnerung,

mit dem Rauch von fremdem Herd.

Zügellos!

wo mich trug keiner Mutter Schoß

Klee, P. (1914): Tagebücher 1898-1918 (hrsg. v. F. Klee). Stuttgart: Europäischer Buchklub 1964: 319, Eintrag 934

Klee, Paul (1879-1940)
Maler und Grafiker (Expressionismus, Konstruktivismus, Kubismus, Primitivismus und Surrealismus)


 

In hellen Momenten überblicke ich nun zuweilen zwölf Jahre Geschichte des eigenen inneren Ichs. Das krampfige Ich zuerst, jenes Ich mit großen Scheuklappen, dann der Wegfall der Scheuklappen und des Ichs, jetzt allmählich wieder ein Ich ohne Scheuklappen.

Gut, daß man das alles nicht vorauswußte.

Klee, P. (1911): Tagebücher 1898-1918 (hrsg. v. F. Klee). Stuttgart: Europäischer Buchklub 1964: 270, Eintrag 899


Christian Morgenstern (1881-1914)

deutscher Dichter, Schriftsteller und Übersetzer.

An den Galgenliedern arbeitete Morgenstern
seit 1895; die Ballade "Das Butterbrotpapier" entstand 1909 (Band 3: 691)

Das Butterbrotpapier

Ein Butterbrotpapier im Wald, –

da es beschneit wird, fühlt sich kalt ...

In seiner Angst, wiewohl es nie

an Denken vorher irgendwie

gedacht, natürlich, als ein Ding

aus Lumpen usw., fing,

aus Angst, so sagte ich, fing an

zu denken, fing, hob an, begann

zu denken, denkt euch, was das heißt,

bekam (aus Angst, so sagt' ich) Geist,

und zwar, versteht sich, nicht bloß so

vom Himmel droben irgendwo,

vielmehr infolge einer ganz

exakt entstandnen Hirnsubstanz –

die aus Holz, Eiweiß, Mehl und Schmer,

(durch Angst), mit Überspringung der

sonst üblichen Weltalter, an

ihm Boden und Gefäß gewann –

[(mit Überspringung) in und an

ihm Boden und Gefäß gewann.]

Mithilfe dieser Hilfe nun

entschloß sich das Papier zum Tun,

zum Leben, zum – gleichviel, es fing

zu gehn an – wie ein Schmetterling ...

zu kriechen erst, zu fliegen drauf,

bis übers Unterholz hinauf,

dann über die Chaussee und quer

und kreuz und links und hin und her –

wie eben solch ein Tier zur Welt

(je nach dem Wind) (und sonst) sich stellt.

Doch, Freunde! werdet bleich gleich mir! – :

Ein Vogel, dick und ganz voll Gier,

erblickt's (wir sind im Januar ...) –

und schickt sich an, mit Haut und Haar –

und schickt sich an, mit Haar und Haut –

(wer mag da endigen!) (mir graut) –

(Bedenkt, was alles nötig war!) –

und schickt sich an, mit Haut und Haar – –

Ein Butterbrotpapier im Wald

gewinnt – aus Angst – Naturgestalt ...

Genug!! Der wilde Specht verschluckt

das unersetzliche Produkt ...

Morgenstern, C. (1909): Sämtliche Gedichte. Band 3. Sonderausgabe zum 100. Todestag nach der Stuttgarter Ausgabe (hg. v. M. Kießig). Stuttgart: Urachhaus 2013: 136f


GLÜCK ist wie Blütenduft,

der dir vorüberfliegt ...

Du ahnest dunkel Ungeheures,

dem keine Worte dienen –

schließest die Augen,

wirfst das Haupt zurück – –

und, ach!

vorüber ist's.

Morgenstern, C. (1901): Sämtliche Gedichte. Band 1. Sonderausgabe zum 100. Todestag nach der Stuttgarter
 Ausgabe (hg. v. M. Kießig). Stuttgart: Urachhaus 2013: 413
(Entstehungsdatum 1901: Band 1: 921)

 

Frage

Oh Menschenherz, was ist Dein Glück?

Ein rätselhaft geborener

Und kaum gegrüßt, verlorener

Unwiederholter Augenblick!

Lenau, N. (1902): Sämtliche Werke (hg. von O. F. Gensichen). Nikosia/Cyprus: Verone 2017: 54

online: books.google.de

Nikolaus Lenau (1802-1850)

eigentlich Nikolaus Franz Niembsch (seit 1820) Edler von Strehlenau, österreichischer, spätromantischer Schriftsteller


 

It falls to each of us to be those those anxious, jealous guardians of our democracy; to embrace the joyous task we’ve been given to continually try to improve this great nation of ours. Because for all our outward differences, we, in fact, all share the same proud title, the most important office in a democracy: Citizen. (Applause.) Citizen.

Obama, Barack (2015): Abschiedsrede in Chicago am 10.01.2017
 44. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika: 2009-2017

Online: Rede des Präsidenten auf youtube

 

Jedem von uns fällt die Aufgabe zu, besorgte, eifersüchtige Hüter unserer Demokratie zu sein; die uns übertragene, schöne Aufgabe anzunehmen, kontinuierlich weiter zu versuchen, unsere großartige Nation zu verbessern. Denn trotz aller äußerlichen Unterschiede teilen wir doch tatsächlich alle den gleichen stolzen Titel, das wichtigste Amt in einer Demokratie: Bürger (Applaus) Bürger.

(Übersetzung des Autors)


Marcus Tullius Cicero (106 – 43 v. Chr.),
römischer Redner und Staatsmann; Der Orator ist ein im Jahre 46 v. Chr. von Marcus Tullius Cicero verfasstes Lehrwerk über Rhetorik in Form eines Briefes an den späteren Caesarmörder Marcus Iunius Brutus.

Nescire quid ante quam natus sis acciderit, id est semper esse puerum.

Nicht zu wissen, was vor deiner Geburt geschehen ist, heißt immer ein Knabe [Kind] bleiben.

Cicero, M. T.  (46 v. Christus): Orator, § 120


 

 

Stefan Zweig (1881-1942): deutscher Schriftsteller; 1942 nahm er sich im brasilianischen Exil, zusammen mit seiner zweiten Frau das Leben. Bei dem nebenstehenden Zitat handelt es sich um den letzten Satz des umfangreichen Buches.

 

Aber jeder Schatten ist im Letzten doch auch Kind des Lichts, und nur wer Helles und Dunkles, Krieg und Frieden, Aufstieg und Niedergang erfahren, nur der hat wahrhaft gelebt.

Zweig, S. (1942): Die Welt von Gestern. Erinnerungen eines Europäers. Köln: Anaconda 2013: 574


 

Der Narr glaubt weise zu sein, aber der Weise weiß, dass er ein Narr ist.

The fool doth think he is wise, but the wise man knows himself to be a fool.

William Shakespear (1564-1616)

Wie es euch gefällt: 5. Akt, 1. Szene (Touchstone)

Deutsche Übersetzung: JT (auch unten)


Wo Worte rar sind, haben sie Gewicht.

Where words are scarse, they are seldome spent in vaine.

William Shakespear (1564-1616)

Richard II: 2. Akt, 1. Szene (Gaunt)


An sich ist nichts weder gut noch schlecht, erst das Denken macht es dazu.

(...) for there is nothing either good or bad, but thinking makes it so

William Shakespear (1564-1616)

Hamlet: 2. Akt, 2. Szene (Hamlet)

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Praxis für Psychoanalyse und Psychotherapie - Dr. Jürgen Thorwart

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